Wydanie/Ausgabe 142/22.03.2026

   Von Zeit zu Zeit besuche ich meine lieben Bekannten in Beuthen (Bytom), die hierher nach dem Krieg aus der Gegend von Tschenstochau (Częstochowa) umsiedelten.

Es sind aufgeschlossene Leute, gastfreundlich und taktvoll. Wir unterhalten uns über vieles, auch über schlesische Angelegenheiten. Es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen und Ansichten, aber nicht ein einziges Mal kam es zu Verstimmungen. Wir schätzen uns gegenseitig und versuchen, einander zu verstehen.

 Obwohl ich mich in der Opposition befinde und dazu allein bin, sie aber zu dritt oder mit ihrem Sohn und der Schwiegertochter aus Miechowitz (Miechowice), bekannt durch das Es gibt durchaus unterschiedliche Meinungen und Ansichten, aber nicht ein einziges Mal kam es zu Verstimmungen. Buch ‘Die alte Miechowitzer Kirche’ von N. Bonczyk, sogar zu fünft sind, haben sie   nie versucht, mir ihre politische Einstellung aufzuzwingen. Dies schätze ich sehr. Lieber die schlimmste Wahrheit kennen, als mit der besten Lüge konfrontiert zu werden.

Unterwegs halte ich immer auf dem St. Annaberg. Ich gehe zum Denkmal und sätze mich oben auf der letzten Treppe des Amphitheaters und schaue in die Tiefe, wo einst die weltweit bekannten polnischen Ensembles „Śląsk“ und „Mazowsze“ und  das große chinesische Volksensemble in der farbigen Pracht ihrer Trachtengewänder auftraten. Obwohl alles bereits über fünfzig Jahre zurückliegen, kann ich mich noch ganz gut an den Tanz eines riesigen bunten chinesischen Drachen erinnern. Es war eine der großen, pompösen politischen Feiern, wie sie so oft anlässlich des Jahrestages der Beendigung des II. Weltkriegs, des Jahrestages des Ausbruchs des III. schlesischen Aufstands oder anderer wichtiger historischer und politischer Begebenheiten, darunter auch Friedenskundgebungen, veranstaltet wurden. Die Bahnhöfe in der Umgebung: Deschowitz (Odertal), Leschnitz (Bergstadt), Schimischow (Heuerstein), Groß Strehlitz u. a., waren überlastet. Sonderzüge brachten die potentiellen Teilnehmer und Zuschauer aus Gleiwitz, Kattowitz, Ratibor, Tarnowitz, Beuthen  und vielen anderen Städten zum propagandistischen Reigen herbei, denn solche Kundgebungen mußten sich doch durch ihre Massenhaftigkeit auszeichnen. Manchmal waren es nach Angaben der Presse bis zu 300.000 Menschen da. Alle wollten in jeder Hinsicht versorgt werden. An Zeit- und Kostenaufwand wurde nicht gegeizt. Es war kein Problem, zu den Vorbereitungsarbeiten Gruppen aus verschiedenen Betrieben zu rekrutieren. Auf diese Weise wurde der Welt gezeigt, wie die Polen die Jahrestage der Aufstände zu feiern wußten und dass sie, im Einklang mit dem „Großen Bruder“ aus dem Osten, intensiv für den Weltfrieden demonstrierten, wenn es gerade zur der politischen Lage paßte.

Mit den Gedanken in die Kindheit zurückschweifend, erinnere ich mich noch, wie man an langen Herbst- und Winterabenden beim Federnschleißen, verschiedene Legenden und Sagen erzählte. Eine blieb mir im Gedächtnis: Vor vielen Jahren wohnten in der Gegend um den St. Annaberg zwei Götter, ein guter und ein böser. Das Land war von Bauern und Hirten bewohnt. Einer der Hirten weidete seine Kühe im Kuhtal (Krowiok), einem Tälchen an der Bergflanke. Wenn das Vieh ruhig graste, zog er seine selbst geschnitzte Flöte und spielte darauf. Der frohe, einfache und arbeitsame Mensch erfreute den guten Gott. Zum Dank dafür verlieh dieser der Flöte die zauberhafte Eigenschaft, Kühe in Steine verwandeln zu können und umgekehrt. Der Hirte nutzte diese Möglichkeit. Besonders vor Einbruch der Nacht verwandelte er die Kühe durch sein Flötenspiel in Steine und verhinderte dadurch, dass sie in der Nacht nicht von Wölfen oder Bären gerissen wurden. Diese großen Raubtiere waren nämlich zu damaliger Zeit in unseren Gegenden keine Seltenheit. Der Bauer war mit seinem Hirten sehr zufrieden.

All das ärgerte den bösen Gott. Eines Tages saß der Hirte vor seinem Häuschen auf einer Bank und spielte auf seiner Zauberflöte. Gegen Abend verwandelte er wie gewöhnlich seine Herde zu Stein. Da kam der böse Gott und verwandelte auch ihn in einen Stein.

Die Gegend war nicht bewaldet. Die Grasflächen an den Berghängen dienten für Kühen und Schafen als Weide. Noch zu Anfang dieses Jahrhunderts konnte, wer aufmerksam hinsah, in den großen Steinen im Kuhtal (Krowiok) die Umrisse der verzauberten Herde samt Hirten erkennen.

Bei Horst Bienek lesen wir in seinem Buch Die erste Polka, dass der alte Piontek nicht ohne Verärgerung an Korfanty denken konnte. Das war für ihn wie der wahrhaftige Teufel, ein Bösewicht, über den man Spottlieder sang und, den man verfluchte, der an langen Abenden als Kinderschreck herhalten musste. (Du musst das „Vater unser“ beten, sonst kommt Korfanty und nimmt dich mit!).”[1]

Noch heute erzählen alte Leute von verschiedenen Begebenheiten aus der Abstimmungszeit und des  Aufstands, sprechen über die Aufständischen selbst. Ich will mich hier der Oppelner Vierteljahresschrift Kwartalnik Opolski, bedienen. Ich möchte nur eine Begebenheit anführen, die man dort lesen kann, und die sehr oft in Schlesien erzählt wird: „Als im Jahre 1921 der Aufstand war und die Aufständischen den St. Annaberg übernohmen hatten, mussten nach dem Kampf nach Hause zurückkehren. Da war ein Aufständischer, Sohn eines Kaufmanns, welcher bei uns einkaufte. Er schoss auf den Gekreutzigten Christi. Das Kreuz stand an der Chaussee von Ujest (ab 1936 Bischofstal, ab 1945 Ujazd) nach Slawentzitz (Ehrenforst). Als er dann nach Hause nach Makoschau (Makoszowy) kam und zur Arbeit auf die Grube ”Makoschau“ ging, hatte er gleich auf der ersten Schicht einen Unfall, so schwer, dass er weder leben, noch sterben konnte. Vor ihm schwebte in Gedanken die ganze Zeit das Kreuz an der Straße. Sein Vater schrieb uns nach dem Unfall einen Brief aus Makoschau, wir sollen ihm doch ein Stückchen Holz von diesem Kreuz schicken, damit sein Sohn in Ruhe sterben könne. Aber das Kreuz war schon ausgewechselt. An seiner Stelle stand ein neues und das alte Holz war bereits verbrannt. Ein zweites Kreuz, welches auf St. Annaberg stand, war zwar schon erneuert worden, das alte Holz war aber noch vorhanden. Ich und meine beiden Brüder gingen mit einer Säge und einem Kuvert hin und sägten soviel Holz von dem alten Kreuz ab, wie in das Kuvert hineinpasset. Das schickten wir nach Makoschau, damit der Mann dort sterben konnte. Mit allen kann man seine bösen Streiche treiben, aber der liebe Gott lässt sich nicht zum Narren halten.”

Prof. Dr. Hab. Wacław Długoborski, Lehrbeauftragter an der Universität Wien, sagte; »Bei der bisherigen Beurteilung der Aufstände kann man von zwei Fundamentalfehlern ausgehen. Zum ersten fehlt eine Lokalisierung des Aufstands im europäischen Zusammenhang. Zum zweiten belastet uns das polonozentrische Denken, das  Gemütsbewegungen und Stellungen der deutschen Seite nicht berücksichtigt. Als ich im Jahre 1991 einen Artikel publizierte, in welchem ich schrieb, dass in den deutschen Freikorps nicht nur Söldner und Schläger, sondern auch patriotisch motivierte deutsche Arbeiter und Studenten kämpften, hat man mir hart zugesetzt (...) Man hat  Einstellungen der oberschlesischen Bevölkerung und ihre Veränderungen unzureichend erforscht«.[2]

Ich will hier noch ein Fragment desselben Artikels anführen: ”Es gab auch Verbrechen. Polen schrieben jahrzehntelang ausschließlich darüber, wie die Deutschen mordeten...- und umgekehrt«. (Nicht was die Polen sich zuschuldekommen ließen- Anm. Des Autors)

Allein die Tatsache, dass Prof. Długoborski der Kopf heiß gemacht wurde, weil er schrieb, dass unter den Deutschen auch patriotisch motivierte Studenten und Arbeiter waren, spricht Bände!

Warum soll es nur polnische Patrioten gegeben haben. Warum kommt es niemenden in den Sinn, dass es auf deutscher Seite auch solche gegeben haben musste? Man sollte doch bitte beachten, dass der Aufstand innerhalb der deutschen Staatsgrenzen erfolgte. Stellen wir uns vor, eine Volksgruppe würde heute versuchen, ein Gebiet aus Polen herauszulösen und einem fremden einzuverleiben! Ganz gleich wer das sein sollte, Litauer, Ukrainer, Weißrussen, die polnische öffentliche Meinung würde mit Empörung und Zorn darauf reagieren.

Genauso war es damals. Die Deutschen gewannen das Plebiszit. Der Großteil der Staatsbürger rechnete mit dem Verbleib Oberschlesiens bei Deutschland. Vergessen wir nicht, das Saarland war schon auf Grund des verlorenen Krieges aus dem Deutschen Reich herausgelöst. Das Ruhrgebiet war von den Franzosen besetzt und sollte mit seiner ganzen wirtschaftlichen Kapazität für die Abzahlung der Kriegsschulden aufkommen. Und jetzt sollte noch Oberschlesien verloren gehen! Hatte da ein ganz gewöhnlicher Deutscher keinen Grund, die Verbundenheit mit seinem Land zu zeigen?

Daran erinnert soll auch werden, dass Schlesien bereits über Jahrhunderte zum Habsburger Reich und später zu Preußen gehörte. Die Mehrheit der Deutschen außerhalb Schlesiens wusste gar nicht, dass dieses Land über einen Zeitraum der Geschichte polnisch war, und plötzlich kam es hier zu einem Aufstand. Das war für viele ein Schock.

Wenig später begebe ich mich vom Amphitheater ins Innere der Basilika, sehe zum hundertsten Mal den Paradiesplatz und die Lourdesgrotte. Hier fühle ich mich wie zu Hause, denn so ist es ja auch. Dieses Gelände gehörte nämlich einst zu meinem Heimatort Zyrowa (ab 1936 Buchenhöh, ab 1945 Żyrowa), in welchem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Das ist meine “kleine Heimat“. Einer aus Zyrowa, der erste Gaschin, Graf Melchior Ferdinand von Gaschin, der 1631 die Güter Zyrowas erworben hatte, ließ eine bereits bestehende kleine hölzerne Kirche auf dem St. Annaberg erweitern und später das Kloster erbauen. Sein Nachfolger auf Zyrowa, der Neffe Georg Adam, ließ die Kalvarie errichten.

Von der hohen, steilen, zur Basilika führenden Treppe genieße ich den Ausblick über den bewaldeten Bergrücken ins weite Land. Bei schönem Wetter sieht man im Westen das silberne Band der Oder.  An wenigen Tagen im Jahr, bei günstigster Witterung, zeichnet sich im Südwesten der ferne Höhenzug der Sudeten mit Bischofskoppe und Altvater ab. Der St. Annaberg, unser Hausberg, ist  der Heilige Oberschlesische Berg!

Wie viele Male ging ich hier als kleiner Junge, später als Ministrant und Erwachsener, in der Prozession zum Ablass der hl. Anna!, Ich hatte es nicht weit. Im Vergleich zu den Prozessionen aus Gleiwitz (Gliwice) oder Ratibor (Raciborz) waren meine drei Kilometer nicht der Rede wert. Wenn ich manchmal die ankommenden staubbedeckten oder durchnässten Pilgergruppen sah, wie sie mit Gesang der Lourdesgrotte zuströmten, schämte ich mich fast, dass ich in der Nähe wohnte. Am liebsten hätte ich ihnen die besten Plätze zugeteilt.

Die Schlesier, die von überall zum Berg  pilgern, um sich vor unserer heiligen Patronin zu verbeugen, werden hier ungeachtet  ihrer Volkszugehörigkeit zu andächtigen, vor dem Gnadenbild knienden Bittstellern. Niemand wird von irgendwem nach seinen Ansichten gefragt, alle wissen: Wir sind eine große schlesische Familie zu Füßen der Mutter Mariens und Christi Großmutter.

Die Ersterwähnung einer hölzernen Kirche auf dem Berg geht auf das Jahr 1516 zurück. Erbaut wurde sie von der Familie Strzala. Es werden die Namen Christoph und Nikolaus genannt. Die Kirche gehörte zur Pfarrei Leschnitz (ab 1936 Bergstadt, ab 1945 Leśnica). Der deutschen Landkarte von Hellwig aus dem Jahre 1561 können wir entnehmen, dass der Berg damals Georgsberg hieß. In einem Dokument von 1563 schreibt der Oppelner Landeshauptmann, Freiherr Johannes von Oppersdorff, vom Chelmberg. Dagegen lesen wir in einer Urkunde aus dem Jahre 1599 von “Mons Divae Annae“, dem St. Annaberg.

Im Jahre 1631 erwarb Graf Melchior Ferdinand von Gaschin, ein frommer Adliger, die Güter von Zyrowa. Nach dem Austausch von Centawa (ab 1936 Haldenau, ab 1945 Centawa) gegen Poremba (ab 1936 Mariengrund, ab 1945 Poręba) gehörte ihm auch der St. Annaberg. Da der Pfarrer von Leschnitz (Bergstadt, Leśnica) sich nicht imstande sah, das Kirchlein auf dem Berg entsprechend zu betreuen und Gottesdienste nur sporadisch abhielt, bemühte sich Graf Melchior Ferdinand, Ordensbrüder herbeizuholen. Die Verhandlungen mit den Reformierten Franziskanern der Kleinpolnischen Provinz in Krakau brachten keinen Erfolg. Erst durch die schwedische Besetzung Polens in den fünfziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts, nachdem Hetman S. Czarniecki das Abbrennen des Reformaten-Klosters aus Sicherheitsgründen befohlen hatte, waren die Franziskaner gezwungen, Zuflucht in Gleiwitz zu suchen. Im zu kleinen, beengten Gleiwitzer Kloster konnten aber nicht alle Ordensbrüder untergebracht werden, daher bewilligte die Obrigkeit des Ordens die Ansiedlung der Franziskaner auf dem Berg Chelm.

An Allerheiligen 1655 waren 22 Ordensbrüder am Ziel. Da aber keine Wohnräume vorhanden waren, wurden sie vorübergehend außerhalb der Stadtmauer von Leschnitz in der Kirche Mariä Verkündigung untergebracht. 

Im Jahre 1656 übergab Graf Melchior Ferdinand von Gaschin den Franziskanern den Schlüssel zur erweiterten Holzkirche samt Schenkungsurkunde des Grundstücks für das künftige Kloster, mit dessen Bau sofort begonnen wurde. Der Einzug ins Kloster fand im Jahre 1659 statt.

Der Neffe des Grafen, Georg Adam de Gaschin, wurde testamentarisch verpflichtet, “nicht nur für die Kapelle, sondern auch für das Kloster“ Sorge zu tragen. Über das Leben der Franziskaner ist zu lesen: “Die einzige Unterhaltsquelle der Mönchsbrüder ist das Almosen. Um zu verhindern, dass sie diesen Ort der Misere verlassen, ist hier eine dauernde Unterstützung nötig. Sollte dies nicht befolgt werden, wird darüber vor Gott Rechenschaft abgegeben werden müssen.“

In den Jahren 1700 - 1709 stiftete Graf Georg Adam Franz von Gaschin die Kalvarie mit drei großen und 30 kleineren Kapellen, nach dem Vorbild des heiligen Platzes in Jerusalem, sowie der Kalvarie von Zebrzydowice in Kleinpolen.

Immer mehr Pilger strömten her, um sich vor der hl. Anna Selbdritt zu verneigen. Auf dem linken Arm trägt sie ihre Tochter, die Heilige Maria und auf dem rechten ihren Enkel, Jesus Christus. Die Herkunft der Figur liegt im Dunkeln. Wissenschaftler schätzen die Entstehungszeit auf die Mitte des 15. Jahrhunderts. Eine Legende erzählt: Ein Feldzug führte einen spanischen Herzog in diese Gegend. Als der Ochsenwagen den Berg erreichte, wollten die Tiere nicht weiter. Der Spanier deutete dies als ein Zeichen des Himmels, ließ an dieser Stelle eine Kirche bauen und die Figur der hl. Anna aufstellen, die er, neben anderen Schätzen, als Kriegsbeute mitführte.

Von Anfang an zogen zum St. Annaberg Deutsche, Polen, Tschechen und Mährer. Die Sprachunterschiede störten niemand, eher sah man sie als eine Bereicherung.

Die ersten Klosterbrüder waren Franziskaner aus Kleinpolen, später kamen andere: Alkantaristen aus Sachsen mit Pater Ernst, ferner Pater Brzozowski, ein Franziskaner aus Chelm Lubelski, wie auch Franziskaner- Reformaten aus Westfalen.

Weil das Volk zweisprachig war, wurde im Kloster ein besonderes Noviziat gegründet, wo zweisprachige Ordensbrüder, mit gründlichen Deutsch- und Polnischkenntnissen, ausgebildet wurden. Einer der ersten Absolventen war Athanasius Kleinwächter, der spätere Vorsteher des Klosters.

Die aus allen Himmelsrichtungen wallfahrenden Pilgergruppen sangen fromme Lieder. Weithin klang es über Wiesen und Felder deutsch, polnisch und tschechisch, Mährisch.

Im Jahre 1765 kam eine Pilgerschar aus Groß Strehlitz (Strzelce Opolskie), in der lateinisch, deutsch und polnisch gesungen wurde.[3]

Der Klostervorsteher, Pater Waxmanski, verfasste im Jahre 1767 das Kalvariengebetbuch Neues Jerusalem, oder die Kalvarie des ganzen Leidens Jesu und seiner Schmerzensreichen Mutter, der Jungfrau Maria auf dem St. Annaberg, genannt nach  ihren Hochwohlgeborenen Stiftern, den Grafen de Gaschin, ausgestellt im Jahre des Herrn 1764 und eingeführt am Tag des Festes der Kreuzerhöhung. Das Gebetbuch hatte einige Dutzend Auflagen in deutscher und polnischer Sprache.[4]

Wie aus dem Schlesischen Kirchenblatt[5] zu erfahren ist, wallfahrten am 13. September 1848 Deutsche und Polen aus Groß Strehlitz gemeinsam.

Zum Fest der Kreuzerhöhung kamen im Jahre 1880 über 50.000 Pilger. Es wurde deutsch und polnisch gesungen.

Im Jahre 1921 pilgerte aus Groß Strehlitz eine deutsche Prozession an Mariä Himmelfahrt und eine polnische zum Fest der Kreuzerhöhung[6] zum St. Annaberg.

Sollte jemand fragen, weshalb ich darüber schreibe, will ich es erklären. Aus zwei Gründen: Um denen, die nur an das polnische Oberschlesien glauben, zu zeigen, dass hier Leute mit polnischer und deutscher Sprache gelebt haben und zweitens, um die tendenziöse Einstellung und den Chauvinismus, die sich bei Prof. Marek deutlich abzeichnen, zu berichtigen und einige Dinge klarzustellen.

In der Die Oberschlesische Tragödie lesen wir : ”...bisher gab es nicht einen einzigen Tag, an dem sich Pilger nicht vor der hl. Anna verneigt hätten...”, und vier Zeilen weiter: ”Sie beteten polnisch, in ihrer Muttersprache, von der sie sich niemals losgesagt haben, trotz Verboten und Diskriminierungen... Dank ihrer überdauerte das Sanktuarium am St. Annaberg bis heute, und nicht denen haben wir es zu verdanken, die erst am 4. Juni 1989 wieder religiös wurden, seitdem hier wieder deutsche Gottesdienste zugelassen wurden!”[7]  Obwohl hier doch etwa 50% pilgerten, die polnisch und ebenso viele, die deutsch gesungen haben, schreibt Herr Marek nur von polnischen gläubigen.

Herr Marek zeigt sich verwundert, dass damals, am 4. Juni 1989, Autos mit Kattowitzer und Oppelner Nummernschildern auftauchten. Endlich konnten hier erstmals nach 44 Jahren wieder Gläubige eine deutsche Messe besuchen. Also, ein wenig Wahres hat Herr Marek doch geschrieben: »Es wurden wieder deutsche Gottesdienste zugelassen«! Um etwas wieder zuzulassen, musste dieses „Etwas“ wohl früher schon bestanden haben.

Hier will ich eine Aussage des Franziskaners Krystian Pieczka anführen[8]: »In Sorge um den Teil der oberschlesischen Bevölkerung, der sich heute noch als „deutsch fühlt“, ersuchte im Jahre 1989 der Bischof von Oppeln im Einvernehmen mit dem Primas von Polen, Kardinal J. Glemp, an den Franziskanerprovinzial der Hl. Hedwigsprovinz um die Bewilligung, auf dem St. Annaberg regulär sonntägliche und feiertägliche Messen in deutscher Sprache lesen zu dürfen«.

In einem Interview für die Kattowitzer Wochenzeitung Gość Niedzielny (Der Sonntagsgast) stellte der Oppelner Bischof Alfons Nossol fest: »Es ist bekannt, dass ein Teil der Bewohner der Westgebiete, die nicht ausreisewillig sind, sich für Deutsche halten und den Wunsch äußern, die deutsche Sprache in Kirchen zuzulassen (...) Wiederholt meldeten sich Vertreter der Sozial Kulturellen Gesellschaft der Deutschen in Schlesien. Sie unterstrichen: Wenn man die Kultur dieser Region als Ganzheit betrachtet, gehört auch die deutsche Sprache dazu, ähnlich wie in den Ostgebieten die ukrainische, weißrussische und litauische Sprache. Ich persönlich bin der Meinung(...), dass man die Sprache nicht als politischen Faktor sehen kann«.

Der Geistliche A. Hanich fügte hinzu: »...wir haben den Mittelweg gewählt, indem eine sonntägliche Messe auf dem zentral gelegenen St. Annaberg gelesen wird, wohin sich alle Interessierten ohne Schwierigkeiten aus allen Richtungen begeben können. In Betracht gezogen wurde auch die reiche Tradition des Sanktuariums. Das Besondere dieses religiösen Zentrums, im Vergleich mit anderen in unserem Land, war das parallele, gleichzeitige Abhalten aller Ablässe auf deutsch und polnisch, das heißt getrennt für das deutsch- und polnischsprachige Volk der Oppelner Provinz. So war es mehr als hundert Jahre in der Zeit vor dem II. Weltkrieg. Wir haben damit gewissermaßen den Anschluss an die alte Tradition, die sich seit jeher um den St. Annaberg entwickelt hat. Diese Tradition hatte für das schlesische Volk ausdrücklich religiösen Charakter, das heißt, im Bewusstsein der Oberschlesier verknüpfte sich dieser Ort erstrangig mit dem religiösen Pilgertum. Für sie war es einfach der “Berg der Hoffnung und des Gebets“, das immer im Glauben zusammenfügte und nicht teilte. Deswegen kam beim Fällen der erwähnten Entscheidung über die Gottesdienste auf dem St. Annaberg in deutscher Sprache einzig und allein die seelsorgerische Motivation zum Ausdruck, der gute Wille, Gott und den Menschen zu dienen«.

Nun wurde uns nach 44 Jahren zurückgegeben, was wir am St. Annaberg immer hatten. Dank sei Gott!

Meine inzwischen verstorbene Mutter sagte damals: »Also werde ich wieder vor der hl. Anna deutsch singen dürfen«. Warum will man diesen Menschen einen wichtigen Teil ihres Lebens wegnehmen, ja entreißen? Sie fühlen sich als schlesische Deutsche und sind es auch. Wahrscheinlich hat noch niemand von den ansässigen Schlesiern es Prof. Marek verboten, Pole zu sein! Deshalb bitte ich Prof. Marek, handeln Sie doch auf dieselbe Art! Wie sie sagen, sind Sie Schlesier wie wir...

Vorwürfe sollten nicht an die Messebesucher gerichtet werden, sondern an Bischof Nossol, denn seiner aufgeklärten Denkweise haben wir diese Messen zu verdanken. Aber dazu würde sich Herr Marek wohl nicht ermutigen. Bei ihm versucht er zu schmeicheln, wie in der Rede anlässlich der Verleihung der Doktorwürde honoris causa der Oppelner Universität an Prof. A. Nossol. Herr Marek hängt das Fähnchen in den Wind, das heißt, dem Stärkeren zu schmeicheln, dem Schwächeren hinderlich zu sein.

In einem Interview zum Thema der Einführung von deutschen Messen äußerte sich Bischof Nossol: »Hätte sich die Kirche damals nicht mit der Sache der Minderheit unter dem religiösen, kirchlichen Aspekt befasst, es wäre hier möglicherweise zu großen nationalistischen Streitigkeiten gekommen. Die Kirche hat das, dank der Konzeption der “Sprache des Herzens“, neutralisiert. Die Sprache des Herzens ist die, in welcher die Mutter ihrem Kind die ersten Worte des Gebets zuflüstert, in welcher der Mensch betet, beichtet und leider auch flucht. Deswegen sollte man den älteren Generationen, die von Kindesbeinen an deutsch gebetet haben, auch heute die Beichte in deutscher Sprache ermöglichen«.[9]

Das war die passende Antwort des Bischof Nossol auf die primitive Ausführung Herrn Mareks in der “Tragödie“ auf Seite 46, wo zu lesen ist: »Unter denen, welche die Liste von Herrn Kroll unterschrieben haben, gibt es sicher niemand, der nicht bereits im dritten Lebensjahr alle Kindergebete auf polnisch gesprochen hätte«. Ich persönlich glaube dem, was Bischof Nossol gesagt hat, weil ich selbst, wie auch meine Bekannten, die ich befragt habe, das “Vater unser“, das “Glaubensbekenntnis“, das „Gegrüßet seist du Maria“ oder den “Engel des Herrn“ auf deutsch gebetet haben.

Darüber konnte man im Beitrag von Harry Duda im Tageblatt “Trybuna Opolska“ lesen: »Die eigentliche Grundlage von Individualität und Nationalität ist die erste Sprache (eng betrachtet), und im weitestem Sinne, die Sprache überhaupt. Diese These wurde längst zur Genüge durch verschiedene Zweige der Wissenschaft nachgewiesen. Man kann nicht zwei “erste“ Sprachen besitzen (...). Irgendwo wird der Mensch durch irgendwelche Eltern in irgendeinem Land geboren. Damit verbunden, erlernt man seine “erste Sprache“ und entwickelt sich in einer bestimmten Kultur. Man knüpft wissenschaftliche und berufliche Kontakte, lernt Land und Leute kennen. Mit diesen Gegebenheiten identifiziert man sich mit der Zeit, baut seine Individualität auf, wird Mitglied der menschlichen Gesellschaft eines Landes (Volkes). Selbst bei bestem Willen kann der Mensch all das nicht gänzlich ändern, ähnlich wie man die Grundzüge seiner Persönlichkeit nicht ändern kann, nachdem ihre Formgebung abgeschlossen wurde«. Dies stimmt mit der Aussage Bischof Nossols und mit meinen Nachforschungen über die erste Sprache der deutschen Schlesier überein.

Der letzte Erzbischof der Breslauer Kirchenprovinz vor 1945 war Kardinal Adolf Bertram. Die polnische Presse der Nachkriegsjahre berichtete über den Kardinal sehr tendenziös. Beispielsweise schrieb die Zeitung “Robotnik“ (Arbeiter) von »einem Nazi in den Gewändern eines Geistlichen«.

Erst nach der Wende von 1989 erwähnten die polnischen Bischöfe erstmals öffentlich sein Engagement zu Gunsten der Seelsorge für die polnischen Oberschlesier in ihrer Muttersprache. Auch die polnische Presse urteilte von da ab positiver über sein Pontifikat. Sechsundvierzig Jahre nach seinem Tod fand, als besonderer Versöhnungsakt, seine Beisetzung im Breslauer Dom statt.

Bald nach dem Zweiten Weltkrieg, am 8. Juli 1945, übertrug der Päpstliche Stuhl dem Kardinal August Hlond Sondervollmachten für die Besetzung vakanter Stellen in der polnischen Kirchenhierarchie. Primas Hlond berief aber auch die polnische Geistlichkeit für die neuen polnischen Gebiete (Schlesien, Pommern und Ermland), obwohl die Potsdamer Konferenz noch tagte und es nicht klar war, in welchen Grenzen der neue polnische Staat erstehen würde.

Der Konsistorialrat des Breslauer Domkapitels, Johann Kaps, wurde an den Vatikan entsandt. Nach seiner Rückkehr berichtete er: »Der Hl. Vater gab seiner Verwunderung über die Berufung polnischer kirchlicher Administratoren in Schlesien Ausdruck«.

Der spätere Bischof B. Kominek schrieb: »Die deutsche Seite war der Meinung, Primas Hlond hätte seine Kompetenzen überschritten indem er, ohne konkrete Absprache mit dem Hl. Stuhl, seine Vertreter in der Diözese Breslau einsetzte. Er hätte Pius XII. belogen und vom Papst Vollmachten erschlichen, welche er dann weit überschritt und missbrauchte«.[10]

Bischof Kominek führte weiter aus: »Der Vatikan ging dann zu den Apostolischen Administratoren in den polnischen neu gewonnenen Gebieten auf größere Distanz, als es in der vorhergehenden Phase der Fall war. Rom nahm unsere Ernennungen und die Einsetzung zur Kenntnis, aber später bemühte man sich durchaus nicht, mit uns direkten Kontakt aufzunehmen. Es gab fast keine Korrespondenz. Im Grunde genommen mied man das Adjektiv “apostolisch“ und bemühte sich, den Primas von Polen, Kardinal August Hlond, für alles verantwortlich zu machen, was sich weit und breit in Westpolen tat«.[11]

Der Prälat  B. Kominek wurde von Primas Hlond zum Leiter der Neuen Apostolischen Verwaltung der Oppelner Diözese ernannt. Kominek vermerkte: »In meinem ersten Brief an die Gläubigen berief ich mich auf die ehrenwerten polnisch-katholischen Traditionen im Oppelner Schlesien und auf die Zusammenhänge, die dieses Land immer mit dem Mutterland verbanden«. Gleich zu Beginn seiner Tätigkeit im Oppelner Land verbot Kominek den Gebrauch der deutschen Sprache bei Gottesdiensten in ganz Oberschlesien. Diese Einstellung gegenüber den hiesigen Deutschoberschlesiern rief ihre starke Ablehnung gegen Kominek hervor. Sein Auftreten wurde als polnisch-nationales Signal verstanden.

Im Buch von Thomas Urban ‘Niemcy w Polsce’ (Deutsche in Polen [12]) ist zu lesen: “Was seine Vertreibung anbelangte, notierte der Breslauer Weihbischof Joseph Ferche im September 1946 folgendes: Der Apostolische Administrator wünschte, dass ich in Niederhannsdorf (Jaszkowa Dolna) auch polnische Kinder firmen sollte. An Ort und Stelle aber rief der Jesuit Spitkowski von der Kanzel: »Lasst es nicht zu, dass der deutsche Bischof eure Kinder firmt!«(...) Viele polnische Kapläne fügen dem religiösen Erscheinungsbild der Kirche weit und breit großen Schaden zu. Häufig nehmen sie an der Vertreibung Deutscher und ihrer Priester teil. Einige Tage vor meiner Evakuierung sagte der polnische Dekan von Waldenburg: »Einen deutschen Bischof lasse ich nicht in die Kirche herein. Ich werde ihm die Firmung verbieten. Sofort werde ich bei der polnischen Bischofskonferenz in Tschenstochau einen Protest gegen die deutsche Firmung einreichen«. In vielen Fällen kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass deutsche Geistliche durch einen polnischen Priester bei der Miliz angezeigt und dann beraubt wurden. Und noch mehr: Einige wurden brutal behandelt und fürchterlich geschlagen.“

Der ehemalige Breslauer Generalvikar Newger schrieb an den Papst: “Gemäß der staatlichen Anordnung ist die Sprache in Gottesdiensten und im  Religionsunterricht ausschließlich polnisch (...). In diesen Fällen wurden die auszusiedelnden Deutschen für ganze Wochen oder Monate in Zwischenlagern untergebracht, wo sie lediglich von der Bevölkerung des Umlandes versorgt wurden. Die zugelassene Seelsorge für diese Menschen begrenzte sich allein auf die hl. Messe ohne ein deutsches Wort. In den Lagern, wo die zivile deutsche Bevölkerung zusammengepfercht wurde, und in Gefängnissen ist keine Seelsorge erlaubt.“

Es ist verständlich, dass nach der Wiederzulassung deutscher Messen viele Teilnehmer die Sprache der deutschen Liturgie nicht kannten, weil sie diese nicht kennen konnten! Die Deutschschlesier wurden nach dem Krieg gezwungen, die polnische Sprache zu erlernen. Alles wurde getan, um “das Deutsche“ zu verdrängen. Deutsche Radiosender wurden zum Beispiel rund um die Uhr gestört. Es gab keine deutschen Zeitungen. In den Schulen herrschte selbstverständlich nur die polnische Sprache und sogar den polnisch-schlesischen Dialekt, das sog. Wasserpolnisch, hörte man ungern. Wie man jetzt erfährt, sollen sich ehemalige Schüler des Gogoliner Lyzeums geäußert haben, Herr Marek hätte jene Schüler mit Abneigung betrachtet, welche die polnisch-schlesische Mundart pflegten.

In seinem Buch schreibt Bischof Kominek: “Fast regelmäßig trafen wir uns damals in Versammlungen des Polnischen Westbundes (...) Dort wurden u. a. Richtlinien, die Kirche und den Klerus betreffend, ausgearbeitet, die für die Funktionäre des Polnischen Westbundes im Oppelner Gebiet bestimmt waren(...). U. a. enthielten sie Anweisungen über die Anwendung der polnischen Sprache im öffentlichen wie auch kirchlichen Bereich.“ An anderer Stelle erinnert er sich an seine Schulzeit: “Der Klassenlehrer in der Grundschule bei uns(...) war kein schlechter Mensch, aber ohne Pardon, wenn es um die polnische Sprache und das polnische Schrifttum ging. An die Tafel schrieb er in großen Buchstaben die Worte: Kein Wort polnisch! Beging jemand einen Fehler, so schlug er mit dem Rohrstock auf die Hand oder gleich auf beide.“ Es ist merkwürdig, dass ein Geistlicher, der in seiner Jugendzeit Terror erfuhr, im Erwachsenenalter auf dieselbe Weise handelt. Und wo bleibt die christliche Maxime: »Wenn du einen Schlag auf die Wange erhältst, dann halte die andere auch hin?«

Nach dem Zweiten Weltkrieg wäre in unserer Grundschule niemand auf den Gedanken gekommen, irgend etwas in deutsch aufzuschreiben oder zu sagen, denn flugs wäre zu Hause ein Funktionär vom Sicherheitsdienst erschienen, und davor fürchteten sich alle. Was solcher Besuch bedeutete, wusste jeder: Verhör, Schläge, Gefängnis.

Hat sich Herr Marek Gedanken gemacht, wie nach dem Krieg Schlesier gelebt haben, die der polnischen Sprache nicht mächtig waren? Ich kann es ihm sagen. In den Läden wollte man ihnen kein Brot verkaufen. Statt dessen bekamen sie zu hören: »Lerne erst mal polnisch!« (Naucz się mówić po polsku). Auf Behörden wurden Gesuchstellende nicht angehört. Es hieß nur: »Wir sind hier in Polen, hier wird polnisch gesprochen« (Jesteśmy w Polsce i tu się mówi po polsku).

Ich zitiere aus der Tragödie[13]: “Die Zeiten in Nationalsozialismus waren bedrohlich und düster. Es galt nur die deutsche Sprache. Sogar für die Abnahme der Beichte auf polnisch drohte das Konzentrationslager. Nicht alle hatten den Mut, polnisch zu sprechen.“

Genau dasselbe empfanden wir Oberschlesier deutscher Option nach 1945. Hier wiederum galt ausschließlich die polnische Sprache, Pfarrer hörten die Beichte nur auf polnisch. Glücklicherweise hatten wir in Zyrowa unseren Dekan Georg Wessolly (nach dem Krieg und der vom Staat befohlenen Namensänderung Jerzy Wesoly), der beider Sprachen mächtig war. Deswegen konnte auch meine Mutter bei ihm deutsch beichten. Aber was geschah in den Gemeinden ohne einen deutschsprachigen Priester? Jahrelang haben diese Christen am Hl. Abendmahl nicht teilgenommen, was für einen Oberschlesier schier unerträglich ist.

Ich wage die Behauptung: Das war wahrlich eine Okkupation Schlesiens! Wir deutschen Schlesier wurden in Polen so behandelt, wie die Faschisten mit der polnischen Bevölkerung nach1939 verfuhren.

Es stellt sich die Frage, ob Herr Marek, der als Christ »einige Dutzend Mal im Jahr auf dem St. Annaberg zugegen ist und nach Assisi pilgerte«, sich nicht schämt, dass er sich 46 Jahre später für die Eliminierung der deutschen Sprache aus der schlesischen Kirche einsetzt. “Die Teilnehmer an deutschen Messen auf dem St. Annaberg dagegen kennen die polnische Sprache“, lese ich weiter in Herrn Mareks ‘Tragödie’. Das ist selbstverständlich, denn sie mussten sie in 45 Jahren erlernt haben, aber sie möchten halt am Gottesdienst in der Sprache ihres Herzens teilnehmen können. Die Polen kannten in der Vorkriegszeit die deutsche Sprache ebenfalls, denn sogar Zeitungen wurden von Polen für Polen auf deutsch herausgegeben und dennoch besuchten sie polnische Messen.

“Offensichtlich gibt es verschiedene Frömmigkeiten“, lautet ein Zitat aus Herrn Mareks ‘Tragödie’. Was dem einen erlaubt ist, soll anderen verboten sein. Was polnischen Schlesiern gestattet ist, bleibt deutschen Schlesiern untersagt.

Ein Wissenschaftler, der die familiären, ethnischen, nationalen und sprachlichen Verwicklungen in Schlesien besser kennt als jeder gewöhnlich Sterbliche, sollte doch danach streben, mit Hilfe von Massenmedien die Wahrheit über das jahrhundertslang dauernde gemeinsame Leben zu vermitteln und sie nicht zurückzuhalten, wo es nur geht.

Herr Marek schreibt: “Ich will auch nicht kommentieren, was ein Ordensbruder zum Thema der deutschen Messen vor Fernsehkameras sagte, obwohl diese Aussage in meinem Herzen einen tiefen Schock auslöste und wahrscheinlich Spuren für immer hinterlassen hat. Schade, dass nicht alle Ordensleute die historische Größe und religiöse Erhabenheit des Sanktuariums empfinden, dessen Hüter sie sind.“

Der Franziskaner hatte gesagt: »Auf diesem Berg wurden schon immer polnische und deutsche Messen abgehalten«.

Die Kirche ist dafür da, das Verlangen der Seelen nach Christus zufriedenzustellen. Und er hatte recht. Er hat diese Probleme auf christliche Weise und nicht auf politische oder chauvinistische angegangen.

Ich wollte in Erinnerung bringen, dass der Papst Johannes Paul II., eine herausragende Persönlichkeit, nicht chauvinistisch eingestellt ist. Er hält seinen Gottesdienst dort, wo es nötig ist, auch in deutscher, italienischer, portugiesischer, französischer Sprache. In Litauen, Brasilien, Italien, den USA auch auf polnisch, weil dort Polen ansässig sind, die gern ein polnisches Wort hören möchten, obwohl sie der Sprache ihres neuen Landes mächtig sind.

Vor  dem II. Weltkrieg hatten Polen in Deutschland, also auch in Oberschlesien, ihre eigenen Messen und Zeitungen.[14] In Oppeln wurden herausgegeben: “Nowiny Codzienne“, “Dziennik Raciborski“, “Głos Pogranicza Kaszub“, “Katolik Trzyrazowy“, “Przyjaciel Pieśni“, “Nowiny“, “Zjednoczenie“, “Młody Polak w Niemczech“, “Głos Polski i Berlina“, “Gość Świąteczny“, “„Dzwon“; zu den Zeitungen “Nowiny Codzienne“ und “Katolik Trzyrazowy“ wurden folgende Beilagen gedruckt: “Rodzina“, “Lud i Ziemia Śląska, “Gość Niedzielny“, “Śmiech to Zdrowie“, “Drobny Rolnik i Ogrodnik“, “Rolnik i Pszczelarz“, “Radosna Nowina“, “Turystyka Polska“, “Ziemia Śląska“, “Polska“, “Zdrowie“. Der Großteil dieser Zeitungen erschien bis 1939. Die polnisch-sprachige Bevölkerung hatte ihre eigenen Bücher. Allein in Oppeln und den umliegenden Dörfern gab es zehn polnische Bibliotheken und die Buchhandlung “Lektor“[15], Schulen[16], Chöre, Theater[17] in polnischer Sprache. In Schlesien hatte vor dem Krieg fast jedes Dorf, jede größere Organisation einen eigenen Chor. Der “Vereinigung der Sängerkreise“ gehörten im Regierungsbezirk Oppeln im Jahre 1937 fünfundsiebzig Chöre an. Seit 1936 gab diese Vereinigung ihre eigene Monatszeitschrift “Przyjaciel Pieśni“ (Liederfreund) heraus. Traditionsgemäß entwickelten polnische Chöre ihre lebhafte Tätigkeit in Westfalen, wo viele polnische Bergarbeiter unter Tage gearbeitet haben. Im Jahre 1931 wurde dort das 25 jährige Jubiläum des Bestehens des Verbands polnischer Sängerkreise begangen, welcher 51 Chöre mit fast 2500 Mitgliedern vereinigte. Weiter lesen wir, dass im Kreis Flatow (Hinterpommern), der damals zu Deutschland gehörte und wo der Priester Bolesław Domanski wirkte, im Jahre 1934 ”31 Theatergruppen, 22 Chöre, 31 einstimmige Gesangsgruppen, 24 Instrumentalgruppen, 2 Puppentheater, 25 Inszenierungsgruppen (Poetisches Theater), 12 Schachsektionen, 10 Fussballmanschaften, 49 Volleyballmannschaften und 26 Leichtathletiksektionen agierten”.

Allein in Oppeln gab es 9 polnische Chöre, darunter “Lutnia“, “Echo“, “Gwiazda“ und “Jutrzenka“.

Im Regierungsbezirk Oppeln existierte von 1922 bis zum 15. Juli 1937 der polnische Pfadfinderbund. Aktiv waren: der I. Landesverband des Bundes der Polen in Deutschland und der Polnische Frauenbund in Oppeln. Am Kongress der Vereinigung der Polen in Deutschland nahmen am 6. März 1938, im größten Theatersaal Berlins, 6000 in Deutschland lebende Polen teil. Ein Polnisches Haus stand in Oppeln und ein zweites auf dem St. Annaberg an der Stelle des heutigen Museums der polnischen Aufständischen.

Mitunter gab es Missverständnisse, wie anderswo auch. Zu Hitlers Zeiten gab es auch Verfolgungen, aber auf dem St. Annaberg, wie auch in den Kirchen des ganzen Regierungsbezirks Oppeln[18], wurden in derselben Zeit, bis Juli 1939, polnische Messen zelebriert. Wie soll man dann folgende Behauptung Herrn Mareks verstehen: »Zu Hitlers Zeiten war die polnische Sprache verboten, auch zu Hause und in der Kirche«[19]. Als Historiker hätte er noch hinzufügen müssen: »Ab dem Krieg im Jahre 1939«, denn noch im Jahre 1938, wie oben angegeben, fand der Kongress des Bundes der Polen in Deutschland in Berlin statt, und bis 1939 erschien die polnische Presse. Eine kleine Lüge birgt die Möglichkeit zur Manipulation und des Glaubhaftmachens verschiedener Sachverhalte derjenigen, die über die damalige Zeit ungenügend unterrichtet sind.

Nach dem II. Weltkrieg wurden in Westdeutschland polnische Zeitungen [20] herausgegeben und Messen abgehalten. Für Polen in Deutschland wurde die Polnische Katholische Mission mit 250 Kirchen gegründet, in welchen polnische Messen abgehalten werden. Darüber hinaus wirken bei diesen Kirchen Schulen, in denen Katechese, Polnisch, Geschichte, Gesang und Tanz gelehrt werden. Vor den Kirchen werden polnische Zeitungen und Bücher angeboten. Es existieren Chöre[21] und Klubs[22]. Polnische Pilgerfahrten werden organisiert, z.B. nach Neviges in Westfalen, an denen auch Kardinal Wyszyński [23] und Bischof Karol Wojtyła [24], der heutige Papst, teilgenommen haben. In derselben Kirche wird jeden Samstag eine polnische Messe gelesen. In Bochum wirkt seit 1950 der Bund der Polen ”Zgoda“ und “Der Bund der Polen in Deutschland“, welche die Zeitschriften ”Głos Polski“ und ”Informator“ herausgeben.

Welchen Status hatten dagegen Deutsche in Oberschlesien nach dem II. Weltkrieg? Bis 1989 durften sie sich gar nicht zu ihrem Deutschtum bekennen, denn solche Verleugner wie Sie, Herr Profesor Marek (dieses Wort haben Sie oft und gern angewendet) und ähnlich Gesinnte, haben es nicht zugelassen und wollen es bis heute nicht. Gottlob hat sich die Lage grundlegend geändert. Klar wie auch objektiv denkende Polen haben die Oberhand gewonnen.

Als 18-jähriger habe ich bei der Milizkommandantur in Krappitz (Krapkowice) einen Personalausweis beantragt. Ich wurde nach Klausel und Paragraph unterwiesen, dass ich die Wahrheit angeben müsse, sonst drohe mir Gefängnis von mehreren Monaten oder Jahren (wie viele Jahre es sein sollten, weiß ich heute nicht mehr). In der Rubrik ”Volkszugehörigkeit“ gab ich ”deutsch“ an. Meine Güte, was war dort damals los! Wie hat man mich beschimpft! Weil ich üble Worte nie gebrauche, will ich das alles nicht  wiederholen.

Ich, damals sehr jung, ein Schüler der ”polnischen demokratischen Schule“, in welcher »mein sozialpolitisches Bewusstsein enorm gewachsen und ich in der Lage war, mein Schicksal richtig einzuschätzen« [25], war durch die Propaganda so eingestellt, dass es mir gar nicht in den Sinn kommen konnte, ich wäre Deutscher. Ich habe doch nur das Formular wahrheitsgemäß ausgefüllt. Meine Eltern waren Deutsche, ich nicht. Ich wollte nur nicht unter einen dieser grässlichen Paragraphen fallen, die mich ins Gefängnis bringen konnten.

Diese ”demokratische Schule“ lehrte Verlogenheit, Heuchelei und Hass, wie ich jetzt weiß. Beispielsweise war  gemäß einer ganzen Reihe von Lehrbüchern nicht Boleslaw Chrobry, der polnische König der Aggressor im Jahr 1002, sondern Kaiser Heinrich II. Chrobry verteidigte sich lediglich vor dem deutschen Angriff. In späteren Lehrbüchern war aber zu lesen: »Bolesław Chrobry wartete nicht, bis die Deutschen angriffen, sondern besetzte die westlich der polnischen Grenze liegenden slawischen Gebiete Lausitz, Milsko und Meißen«.[26] Chrobry hat diese Gebiete nicht ”annektiert“, sondern lediglich slawisches Land ”besetzt“. Ein anderes Buch lehrt, dass die Kriege Bolesław Chrobrys gegen Deutschland gerecht waren und an weiterer Stelle: »Die deutschen Herrscher beginnen eine Politik der Aggression gegen die Slawen (Drang nach Osten). Der neue Kaiser Heinrich II. repräsentiert die traditionelle Eroberungspolitik«.[27]

Im Lehrbuch von M. Dłuska aus dem Jahre 1953 über die Teilung Schlesiens nach der Volksabstimmung von 1921 lesen wir: »Unterstützt durch die USA und England, rissen die deutschen Imperialisten unsere alten piastischen Gebiete, Pommern und Schlesien, an sich«. Im Jahre 1970 bedauerte man in einem Schulbuch: »Der Verlauf der polnisch-deutschen Grenze in Schlesien nach dem I. Weltkrieg war Resultat eines Kompromisses. Dessen Konsequenz war, dass 1,5 Mio. Polen auf deutschem Gebiet verblieben«. In einem anderen Lehrbuch [28] lesen wir: »Die Konferenz der drei Großmächte fand die Rückkehr Polens in die Gebiete, welche einst die Wiege des polnischen Staates waren, als nötig«. Ich weiß, dass der Polnische König Kasimir III. der Große im Jahre 1335 vertraglich auf Schlesien verzichtete, aber das weiß ich erst jetzt. Damals als Schüler glaubte und vertraute ich selbstverständlich meinem Lehrbuch.

”Die polnische demokratische Schule“ lehrte mich auch, ”dass die Gemahlin des legendären Polanenherzogs Popiel eine Deutsche war. Selbstverständlich musste sie ein böses Weib gewesen sein, denn für einen Slawen ist jeder Deutsche ein schlechter Mensch.”[29]  ”Deutsche waren niemals Freunde der Polen, Deutsche waren immer ihre Feinde.” Im Jahre 1454 habe Polen den Deutschordensritterstaat nicht angegriffen, es erteilte den Pruzzen lediglich eine Art ”brüderlicher Hilfe“. In einem Schulbuch von 1950 konnte man lesen: Im Jahre 1466 ”eroberte Polen das Kulmer Land, Pommern mit Danzig, Elbing, Marienburg und das Ermland zurück.”[30]  Daraus resultiert, dass Polen Gebiete zurückeroberte, welche es in Wahrheit nie davor besessen hatte (Elbing, Marienburg, Ermland). Des weiteren wurde in keinem polnischen Lehrbuch klargestellt, dass jahrhundertelang die Beziehungen zwischen Polen und den deutschen Staaten friedlich verliefen und die polnische Westgrenze stabiler als das östliche Grenzland war. Noch in den fünfziger Jahren galt der weltbekannte Bildhauer Wit Stwosz als Pole, obwohl, wie wir jetzt wissen, er aus Nürnberg stammte und Veit Stoß hieß.

Ich durfte den wasserpolnischen Dialekt nicht sprechen, weil das als bedenklich erschien und politisch unsicher war. Am treffendsten wurde dieser Sachverhalt von Dr. Marek Wisniewski von der Krakauer Pädagogischen Hochschule aufgezeigt: ”Die polnische Nachkriegspropaganda suchte um jeden Preis nach einem möglichen Erbfeind, als Gegenpol zu den Sowjets. Lehrbücher der Jahre 1945-1960 beinhalteten folgende eindeutige Trennungslinie: im Westen die aggressiven Feinde, im Osten die Gemeinschaft der slawischen Völker.[31] Herr J. G. Görlich vom Tageblatt ‘Dziennik Zachodni’ ergänzte: ”Im beengten sozialistischen Polen geisterte das Bild des Deutschen als ewigem Feind, immer wolfshungrig nach Osten schielend.” Die Bürger Westdeutschlands wurden durch die Propaganda als widerliche Kapitalisten, auf Bequemlichkeit und Konsum eingestellte Dickbäuche, aber auch als solche, die nazifreundliche Sympathien nicht meiden und dazu als ewige Revisionisten hingestellt. DDR-Bürger dagegen waren die eigentlichen ”Erben der Ideen des deutschen Proletariats, Schöpfer fortschrittlicher Traditionen und, nicht zuletzt, beharrliche Architekten und Erbauer des Sozialismus.”

Nicht die Schulen unterrichteten schlecht, sondern Wissenschaftler schrieben verlogene Lehrbücher für die ”polnische demokratische Schule“. Herrn Marek nach hat mich diese Schule richtig zu beurteilen gelehrt. Wie gut, dass ich solchen Lehrbüchern und Schulen nicht mehr ausgeliefert bin!

Aber kehren wir zum Thema meiner Volkszugehörigkeit zurück, das ich vorne angeschnitten habe. Nach dem Wutausbruch und den nachfolgenden Beleidigungen in der Milizkommandantur in Krappitz, strich der Beamte (Milizionär) eigenhändig das Wort ”deutsch“ und trug das Wort ”polnisch“ ein. Fiel diese Manipulation nicht zufällig unter den Paragraphen der Urkundenfälschung? Ich wurde zum zweiten Mal Pole. Das erste Mal nach dem Krieg, als mich niemand um meine Meinung fragte.

Mein Onkel Paul versuchte den Rundfunksender RIAS Berlin zu hören, was selten gelang, denn auf dem St. Annaberg befand sich ein sehr gut funktionierender Störsender. Ich fragte Onkel Paul, wie er überhaupt solch einen lügenhaften ”Straßenlautsprecher“, der unser Polen bespuckt, einschalten könne. Er schaute mich nur mitleidig an und erwiderte: »Wenn du erst erwachsen bist, wirst du schon verstehen«. Er behielt recht. Später verstand ich.

»Zur Zeit der “Verifikation“ (polnische Volkszugehörigkeitsfestlegung) wurde in Oberschlesien einer sehr großen Anzahl Deutscher die polnische Staatsbürgerschaft aufgezwungen. Die deutsche Sprache wurde mit Gewalt abgeschafft. Die sogenannte ”Repolonisierung“ dieser Gebiete bezweckte die Vernichtung deutscher kultureller, psychischer, sittlicher und moralischer Einflüsse«.[32]

Auf einem Treffen anlässlich des 40. Jahrestags der Kapitulation Deutschlands sagte W. Jaruzelski, der Premierminister und Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Polens, in Breslau (Wroclaw) : »Wir haben alle internationalen Verpflichtungen im Bereich der Repatriierung und der Zusammenführung durch den Krieg getrennter Familien übererfüllt. Also ist das Problem der deutschen Volksminderheit in Polen endgültig erledigt«. Im Herbst desselben Jahres erklärte er vor Offizieren: »Um eine ethnische Teilung herbeizuführen zu können, will man das künstliche Problem schaffen, dass es in Polen eine 1 Million starke deutsche Minderheit gibt«.

Der polnische Primas, Kardinal Josef Glemp, stimmte sogleich zu. Auch er bestritt die Existenz einer deutschen Minderheit in Polen. Während einer Wallfahrt am 15. August 1984 in Tschenstochau sagte er: »Wir können nicht reinen Gewissens Gebete in fremder Sprache abhalten für solche, die diese Sprache gar nicht kennen und sie erst in der Liturgie kennenlernen wollen. Es kann nämlich jemand nicht Ausländer sein, der das Ausland nicht gesehen hat«.[33] Der Primas hat in seinem Stammbaum deutsche Ahnen.

Im selben Jahr schrieb Kardinal Glemp einen Brief an den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, in welchem er behauptete, in Polen gäbe es keine deutsche Minderheit, infolge dessen sei auch eine deutsche Seelsorge überflüssig.

Prof. W. Lesiuk interpretierte dies [34] alles mit viel Weitblick: ”Die Einstellung der Kirche ist hier ungeheuer wichtig, weil bekanntlich die oberschlesische Gesellschaft katholisch ist. Das Wirken der Kirche kann hier einen enormen Einfluss auf die Kristallisierung der völkisch gedachten Option haben.”

Von den 500 Pfarreien der Oppelner Diözese wurde im Jahre 1991 in 30 Kirchen mindestens eine Messe wöchentlich in deutscher Sprache abgehalten. 1993 gab es bereits 250 Pfarreien mit deutschen Gottesdiensten. Aber immer noch lehnt eine kleine Gruppe Geistlicher deutsche Gottesdienste ab.

”Bis in die neueste Zeit fehlt es an Verständnis, dass der Verlust der Muttersprache, besonders wenn er auf gewaltsame Weise erfolgt ist, nicht automatisch den Verlust der nationalen Identität bedeuten muss.”[35]

In Gogolin verhängte ein Milizionär ein Strafgeld [36], weil auf der Straße deutsch gesprochen wurde. Mein Bekannter aus Gleiwitz, Herr Polewka, wurde laut Beschluss des Präsidenten der Stadt Gleiwitz zu einer Geldstrafe von 500 Zloty verurteilt, weil er sich auf dem Hinterhof in der Hl. Markusstraße 30 auf Deutsch unterhalten hatte, wodurch er demonstrativ seine ”Geringschätzung des polnischen Staates“ bewies.[37] In Zyrowa wurde der Bruder meines Vaters, ein 16 jähriger Bursche, mitsamt anderen Freunden auf der Milizkommandantur eingesperrt, weil sie beim Tanz in einem sonst menschenleeren Raum deutsche Lieder sangen, also nicht in der Öffentlichkeit!. Das war im Jahre 1945. Und was sollte man singen, da man doch nicht die polnische Sprache und auch also keine polnischen Lieder kannte? Oder sollte man einfach den Mund halten? Wahrscheinlich!

In den 50-ger Jahren wurde auf einer Silberhochzeit in Zyrowa das deutsche Volkslied: “Am Brunnen vor dem Tore“ gesungen. Kurz darauf wurde der Jubilar, Herr Czernek, ins Groß Strehlitzer Gefängnis eingeliefert.

Vor mir liegt das Tageblatt ‘Dziennik Zachodni’ vom 26. Januar 1998, darin ist zu lesen: ”Bei den Feierlichkeiten anlässlich des 70-sten Geburtstages und des 50-jährigen Jubiläums seines kreativen Schaffens sagte Bolesław Lubosz: »Ich war damals wohl 9 Jahre alt (im Jahre 1937) , als mich mein Großvater ins Gleiwitzer Rathaus mitnahm. Er sprach polnisch und verlangte dasselbe von den deutschen Angestellten, seine polnische Volkszugehörigkeit unterstreichend«. Kein Haar wurde ihm dabei gekrümmt. Anders war es mit uns nach dem Krieg, wir haben nicht gewagt, uns zu unserem Deutschtum zu bekennen.

In ganz Polen konnte man deutsch lernen, nur bei uns im Oppelner Schlesien war es bis 1988 verboten.[38] Als Hohn könnte man es interpretieren, dass man auf der pädagogischen Hochschule in Oppeln ein Vorlesungsfach Deutsch einführte. Für wen war es gedacht? Für Schlesier nicht, denn für diese war es unmöglich, ein Zeugnis vorzulegen, in dem als einem der Lernfächer ”Deutsch” vermerkt gewesen wäre.

Ähnlich war die Situation bei der Arbeitsplatzsuche. Polnische Repatriierte (Leute, die nach Schlesien aus den Ostgebieten Polens kamen, welche inzwischen zu Russland gehören) und Neusiedler (Leute, die aus Zentralpolen oder aus dem Ausland kamen) wurden immer als die besseren Polen behandelt. In der Regel erhielten sie die entsprechenden Posten, denn ein Schlesier, obwohl gut ausgebildet, war in den Augen der Obrigkeit ein Unsicherheitsfaktor und politisch unzuverlässig. Ich zitiere die Zeitschrift “Opole“: “Während der Zeit der “Solidarität“ publizierte Kazimierz Kutz in den Spalten des Wochenblatts “Panorama“ folgende Zahlen: ”Nach dem  Krieg wurden in der Wojewodschaft Kattowitz (Katowice) 5%  der Arbeitsplätze an Schlesier, 95 % »an die eigenen Leute« vergeben, die meistens aus dem vorkriegspolnischen Gebiet um Sosnowiec, Myslowitz und Bendzin stammen“.[39] Ähnlich ging es in der Wojewodschaft Oppeln zu. Das dauerte vierzig Jahre.

Im russischem Monatsheft “Ład“ (Ordnung), 1979 Nr.17, ist zu lesen: »Von 35 Volksgruppen in der Sowjetunion nehmen die Polen den vorletzten Platz vor den Juden ein, wenn es um den Geläufigkeitsgrad ihrer Muttersprache geht. In Prozent gerechnet sind das 29,1. Dies bedeutet, dass lediglich jeder dritte Pole dort seine Sprache kennt«. Trotzdem leugnet niemand die Tatsache der Existenz einer polnischen Minderheit in diesen Gebieten.

Am Beispiel der Liturgie möchte ich es verdeutlichen: wie sollte die junge Nachkriegszeitgeneration die deutsche Liturgie lernen? Was Hitler mit der polnischen Sprache versucht hatte, gelang dem polnischen kommunistischen System mit der deutschen Sprache durch die eben vorgestellten Methoden. Man wollte auch das unabhängige Denken ausschalten, aber das klappte nicht, trotz vieler Jahre der Unterdrückung und Polonisierung. Die deutschen Schlesier warteten auf den richtigen Moment, der mit dem Niedergang des Kommunismus kam, um wieder sie selbst zu sein.

Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich fein.

[1] K. Karwat, Na pomniki, „Śląsk“ 1997, Nr.6, S.53.

[2] „Dziennik Zachodni” vom 2. 05. 1996, Nr.86

[3] A. Nowak, Geschichte  der Pfarrei Groß Strehlitz in Oberschlesien. Verlag Wilpert 1924.

[4] K. Pieczka, St. Annaberg, Verlag Laumann Polen 1995, S. 37-38

[5] A. Nowak, Geschichte..., S.97.

[6] A. Nowak, Geschichte..., S.98

[7]  Tragödie... S.61 

[8] Ch. Pieczka, St. Annaberg..., S. 49-50

[9] „Nowa Trybuna Opolska“ (Zeitung „Neue Tribüne aus Oppeln) vom 24.12.1997

[10] Kominek B., W służbie Ziem Zachodnich...

[11]  B. Kominek, W slubie Ziem Zachpodnich, Breslau 1977

[12] T. Urban, Deutsche in Polen,  C.H. Beck’sche Verlagbuchhandlung, München 1993

[13]  Tragödie S.62

[14] E. Mendel, Polacy w Opolu (Polen in Oppeln) 1933-1939“,  Verlag Ossolineum 1980, S.38

[15] E. Mendel, Polacy... S.66

[16] Z.B. in Rosmierz (Rozmierz), Quellental (Gonsiorowice), Zabelkau  (Zabełków), Klausberg (Mikulczyce), Stephanshain (Szczepanek), Sandowitz (Żędowice), Alt Ujest (Stary Ujazd).

[17]  Polnisches Theater in Oppeln, und ab 1937 auch Polnisches Puppentheater in Oppeln 

[18] K. Pieczka, St. Annaberg, S. 45

[19] „Głos”, S. 47

[20] „Ostatnie wiadomości” (Letzte Nachrichten) in Mannheim, „Głos Polski” (Polnische Stimme) in Bochum, „Przemiany” (Wandlung), „Zbliżenia” (Annäherung) in Dortmund und etwa 20 andere Titel; die einen wurden eingestellt, andere erschienen neu.

[21]  Z.B. in Essen, Duisburg, Münster, Mannheim, Frankfurt.

[22]  Z.B. in Gelsenkirchen, Duisburg, Düsseldorf

[23] September 1978. In Anwesenheit von Kardinal Wojtyła schenkte Kardinal Wyszynski der Kirche eine Kopie des Bildes der Mutter Gottes von Tschenstochau

[24]  22. Juli 1977, als Kardinal Wojtyła

[25] „Tragödie” S. 48

[26] G. Markowski, Historia dla kl. V (Geschichte für die V. Klasse) S.31

[27] „Materialy do nauczacnia Historii w kl. V” (Material für die Geschichtslehre in der V. Klasse) Warschau 1946, S.7

[28] A. Klubowa, W naszej ojczyznie, Warschau 1957, S. 142

[29] W. Sarnowska, Ziemia spowiada, Warschau 1947, S. 141

[30] M. Dłuska, Z naszych dziejów, Warschau 1948, S. 120

[31] Iwona Kłopocka-Marcjasz, Obcy za ścianą, Nowa Trybuna Opolska, 28.02.1997

[32] H. Karp, Duszpasterstwo Niemców kat. w Polsce po 1945 r. S. 58

[33]  T. Urban, Niemcy w Polsce, Inst. Sl. W Opolu 1994

[34]  Lesiuk, Plebiscyt trwa, Wybrzeże, 1998, Nr. 39

[35]  H. Karp, Polacy, Niemcy...,Heraug. Unia Kattowitz 1993, S 58-59

[36] Das Strafmandat habe ich im Original gelesen.

[37] Entscheid AK-2/5817/49 vom 12.01.1950

[38] Kwartalnik „Śląsk Opolski” (Vierteljahresschrift „Oppelner Schlesien) 1995

[39]  A. Bula, Obrona Slazakow, Monatsheft “Opole, 1980, Nr. 1