Bei einem Treffen in polnischer Schule habe ich Jugendliche gefragt, ob sie über die Nachkriegslager für Deutsche in Polen Bescheid wüssen, sie schauten mich an, als ob ich von einem anderen Stern käme. “Bei uns waren keine Lager für die Deutschen, so etwas war unnötig. Es reichte, dass wir ordnungsgemäß Züge für die Umsiedung gestellt haben und den Deutschen erlaubt wurde, mit ihrem ganzen Hab und Gut auszureisen. Man hat uns das in der Schule erklärt. Das ist ja auch eine von der deutschen Propaganda geführte Erfindung, dass bei uns Lager waren und die Deutschen nichts mitnehmen durften.
Man will uns etwas unterstellen, um uns in der Welt zu verunglimpfen.” Wir dürfen uns nicht wundern, dass die Informationen über Lager sehr spärlich durchsickerten. Auch bei uns in Deutschland wissen ganz wenige von Lagern für Deutsche, die vertrieben wurden oder für Polen arbeiten mussten. Viele darüber angesprochene Deutsche staunen nur oder sind skeptisch.
Und wie war es wirklich?
Schon in der zweiten Hälfte des Jahres 1944, als die russische Rote Armee das gegenwärtige polnische Gebiet hinter dem Fluss Bug erreichte, hat man das erste Lager in Krzesimów bei Zamość/Lublin für Deutsche aus der Umgebung errichtet. Der Besitz von Haus und Acker wurde gleich polnischen Familien übergeben. Offiziell wird verlautbart, dass in diesem Lager 1.500 Deutsche starben oder umgebracht wurden. Da die Dokumentation nicht ordentlich und vollständig geführt wurde, glauben viele Historiker, das die Zahl viel höher anzusetzen ist.
Weitere Lager, die man im Osten Polens einrichtete, folgten mit der Bewegung der Front in Richtung Westen. Es entstanden Lager in Poniatowa, Lublin, Popkowice, Błudek, Stalowa Wola, Jarosław, Mielec, Radom, Białystok. In der Stadt Warschau gab es 16 Lager und in ihrer Umgebung noch weitere 54. In woj. Lodz 81 Lager.
Inzwischen hat man festgestellt, dass auf dem gesamten gegenwärtigen polnischen Territorium 1255 Lager und 227 Gefängnisse existierten, von denen in den ehemaligen deutschen Gebieten 681 Lager und 119 Gefängnisse für die deutsche Bevölkerung errichtet wurden.
Zu den "wilden" das heißt nicht Zentral vewaltenen Lagern gehörten unter anderem die Lager in Oberschlesien: Lamsdorf und Eintrachthütte, jetzt “Zgoda”-Schwientochlowitz.
Als man das Lager in Lamsdorf eröffnete, sprach man in der Kreisverwaltung in Falkenberg von einem Konzentrationslager, später aber nur von einem Arbeitslager.
Ganz schlimm für den moralischen Anspruch der Polen war, dass sie nach dem Krieg in die nationalsozialistischen Konzentrationslager wie Auschwitz, Majdanek, Trzebinia, Jaworzno, ab 1945 Deutsche einsperrten und das Sterben und Morden weiterging.
Auschwitz bestand nach 1945 aus dem von Russen geführten Lager, wo Deutsche für Deportationen nach Russland festgehalten und mit 11 Zügen mit 19.500 Kriegsgefangenen und 3750 Zivilpersonen von dort abtransportiert wurden. Es gab ein zweites Lager, wo Deutsche zwecks Aussiedlung eingesperrt waren. Wenn Touristen das Lager Auschwitz besuchen, spricht man nie davon und kann man auch nirgendwo lesen, dass nach dem Kriege die Lager von Polen für Deutsche bestimmt waren.
Ein Oberschlesier aus Bielitz-Biala, Herr Jancza, dessen Vater nach dem Krieg in Auschwitz starb, kämpft schon Jahre mit der polnischen Administration um eine Erlaubnis, eine kleine Erinnerungstafel für seinen Vater im Lager anbringen zu dürfen. Bis heute wird er abgewiesen. Eine von vielen Begründungen ist, dass wenn man hier so eine Tafel anbrächte, die Besucher meinen könnten, dass auch Polen in diesem Lager Menschen umgebracht haben.
Die schlimmsten Lager mit den meisten an Deutschen verübten Verbrechen waren in Lamsdorf, Jaworzno, Schwientochlowitz, Potulice, Sikawa bei Lodz und in Warschau.
In jedem Lager gab es andere Schikanen. z.B. hat man in einem Dorflager in Wolnica Niechmirowska in Zentral-Polen bei Zgierz bekannt gegeben - dass wer deutsch spricht mit dem Tode bestraft wird. Wenn einer aus dem Lager flieht, werden für ihn 10 andere Lagerinsassen erschossen.
Über die Lager durfte man in Polen während der kommunistischen Zeit nicht reden. In meinem Archiv bewahre ich einige Kopien von Dokumenten auf, mit dem Stempel śćisle tajne, Streng geheim. Daraus kann man einiges erfahren, z. B. dass im Lager Jaworzno im Jahre 1947 Kinder inhaftiert wurden (106 Jungen und 88 Mädchen).
Schon am 20. Mai 1945 wurden aus Jaworzno Jugendliche nach Potulice gebracht.
Im Lager Lissa waren am 19. Mai 1949 laut einem Schreiben 178 Jungs und 160 Mädchen von einen halbem bis 12 Jahre eingespert.
Nach einer Zusammenstellung mit der Aufschrift Streng geheim der Zentrale in Warschau waren am 1. November 1949 in ganz Polen in den durch die Zentrale geführten Lagern und Gefängnissen noch 343 Kinder und 95.395 Erwachsene inhaftiert. Die Kinder wurden zu Adaption für polnische Familien freigegeben.
Im Oppelner Schlesien - nach der gegenwärtigen administrativen Trennung von Woj. Kattowitz (damals Woj. śląsko-Dąbrowskie) - wurden in den Jahren 1945-1948 211 Lager und Gefängnisse errichtet. Bei den Gruben der Kattowitzer und Gleiwitzer Umgebung gab es 74 Lager und dazu noch 35 außerhalb der Gruben, wie auch 9 Gefängnisse.
Die in Oberschlesien berüchtigten Lager waren in Lamsdorf und Zgoda Schwientochlowitz (In Schwientochlowitz waren noch weitere, die den Gruben zugeordnet waren z.B. "Polen", "Präsident", "Schlesien" und "Mathilde.").
Über das Lager Lamsdorf schrieb der deutsche Arzt H. Esser, der dort den Polen als Arzt helfen musste. Der Titel seines Buches ist “Die Hölle von Lamsdorf”. Ich will hier nicht Informationen über das Lager verbreiten, die schon fast allgemein bekannt sind. Ich möchte hier nur auf einige spezielle Punkte hinweisen.
Neue Dokumente und Aussagen von dort inhaftierten Menschen zeigen, dass wahrscheinlich noch mehr Menschen in das Lager gebracht worden waren, denn die, die man vor der Registrierung ermordet hat, wurden gleich verscharrt und nirgendwo aufgeführt.
Als ich Informationen zu meinem Buch “Schlesische Tragödien” sammelte, traf ich eine in Hannover wohnende Frau, Ruth Paschke-Krell, die mir erzählte (was ich in Dokumenten überprüfte), dass man nur die Einweisung ihres Vaters ins Lager mit Datum protokolliert hat, bei den weiteren Familienmitgliedern - der Ehefrau und vier Töchtern nicht. Außerdem wurde die Tochter Ruth überhaupt nicht in das Register aufgenommen, obwohl sie dort bis Januar saß. Anschließlich wurde sie mit Ihrer Schwester Margarethe nach Busko Zdrój in Polen zur Zwangsarbeit gebracht.
Aus einem offiziellen streng geheimen Bericht vom Mai 1945 geht hervor, dass die Insassen vom Lager Auschwitz nichts zu Essen bekamen, so dass ihre Leiber vom Hunger anschwollen. Sie blieben nur deshalb am Leben, weil ihnen Verwandte und Bekannte Essen schickten. Nicht nur was man essen könnte war ein Problem, sondern auch aus welchem Gefäß. Die Lagerinsassen nahmen in ihrer Not einen Blumentopf und hielten mit dem Finger das Loch zu. So tranken sie Tee, wenn welcher da war, oder aßen sie Suppe. Diejenigen, die eine leere Konservenbüchse hatten, waren besser dran. Die Bewacher in Auschwitz drohten den Einsitzenden: “Wir werden euch zeigen, wie wir sein können, dagegen waren die deutschen Bewacher in Konzentrationslager harmlos.”
Weiter schrieb der Kontrolleur, dass die Insassen geschlagen wurden. In der Nacht holten sich die Bewacher Frauen, um sie zu vergewaltigen. In dem Protokoll steht. "Wir haben hier viele Sklaven, die keine Briefe abschicken dürfen und auch keine ärztliche Versorgung erhalten."
In Jaworzno sind, so kann man in einigen Büchern lesen, 23.669 Häftlinge inhaftiert worden, von denen 6.987 (das sind 30%) gestorben, zu Tode gequält, erschlagen und erschossen wurden, wobei das keine exakten Zahlen sein können. Historiker sind überzeugt, dass die Dokumente nicht ordnungsgemäß geführt wurden.
In Zgoda-Schwientochlowitz sind nach historischen Schätzungen über 2.500-4.000 Häftlinge gestorben, viele davon wurden zu Tode gequält. Die Aufseher kamen auf die teuflische Idee, Väter von ihren Söhnen schlagen zu lassen und Söhne von ihren Vätern. Anschließend mussten sich die Gedemütigten beim Aufseher mit dem Satz: "Ich danke Ihnen" bedanken.
Die Häftlinge wurden mit Peitschen und Hockern geschlagen. Man ließ auch eine “Pyramide” bauen, das bedeutet, einer musste sich auf den Bauch hinlegen, auf ihn ein weiterer und so bis zu 20 Leuten, so das dem unten liegendem die Haut platzte und die Eingeweide herausquollen.
Die Leichen des Lagers wurden auf einem Friedhof und außerhalb davon verscharrt. Bei einem Teil weiß man nicht wo sie vergraben wurden, deshalb hat man für alle am Friedhof ein Denkmal errichtet, wo die Familien der hier Gestorbenen beten können. Nach Zeugen aussagen haben einige Pfarrer abgelehnt das Denkmal einzuweihen. Einer hat angeblich abwertend gesagt: "Es geht ja nur um Deutsche." Auch er lehnte das Ansinnen ab. Am Ende hat man einen jungen Pfarrer aus einem Caritasheim überreden können und er weihte das Denkmal ein.
Die Gestorbenen und Erschlagenen wurden auf einem Leiterwagen aus dem Lager gefahren und auf dem jüdischen Friedhof und in einer Sandgrube begraben. Bevor man sie verscharrte, wurden sie gänzlich entkleidet und nackt zugeschüttet. Von den 4.500 Insassen, wurden 975 entlassen, und 3.300, das sind 73%, starben oder wurden brutal ermordet. Etliche von den 975 Entlassenen sind in den nächsten Tagen gestorben.
Bis jetzt hat man in Polen nur zwei Prozesse gegen die Leiter der 1255 Lager und 277 Gefängnisse angestrebt.
Es wäre angebracht, auch den 2 Mill. Deutschen, die bei der Vertreibung und in etlichen Lagern nach Ende des Krieges ihr Leben gelassen haben, das Vertreibungs-Denkmal zu errichten.
"In dem Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg musste das deutsche Volk die bittere Wahrheit über Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten erkennen. Im Namen der Wahrheit sollten aber auch andere Völker die Realität von Verbrechen der Nationalsozialisten eigener Landsleute zur Kenntnis nehmen. Genau so wenig, wie die Mehrheit des deutschen Volkes etwas von den Verbrechen der Nationalsozialisten wusste, genau so wenig hatte das polnische Volk ein Wissen von den Ereignissen in den Lagern für deutsche Schlesier 1945 und danach. Und das dürfte zumeist auch weiterhin der Fall sein.
Der Mensch, der die Wahrheit kennt und sie annimmt, wird demütiger und auch gerechter im Urteilen. Nach meiner Meinung könnte die Wahrheit über die Verbrechen an der oberschlesischen Bevölkerung leichter angenommen werden, wenn man einen Augenblick lang nicht von den Deutschen und den Polen sprechen würde, sondern davon, was Menschen mit Verfolgungen und Morden Menschen angetan haben. Wenn man beim Streben nach Wahrheit manchmal den Begriff “Volk” durch das Wort “Mensch” ersetze, würde es leichter fallen, das Böse überall als böse zu benennen.
Doch Vergeben bedeutet nicht zwangsläufig Vergessen. Ganz im Gegenteil. Die Ereignisse und die mit dem Blut einheimischer Menschen gezeichneten oberschlesischen Lager dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Durch dieses Nichtvergessen soll das Bewusstsein dafür gestärkt werden, dass es überall dort, wo man Gott aus der Gesellschaft und aus dem menschlichen Gewissen verdrängt, zu schlimmen Grausamkeiten kommt. Das war im Deutschland der Hitlerzeit so, und das war im Polen der Nachkriegszeit so. Gottlose Menschen sind immer auch gewissenlose Menschen.”[1]
[1] Teil der Predigt vom 17. Juni 2002 aus der St. Pauluskirche zu Ruda von Pfarrer Jozef Kara, Ostropa. Aus den polnischen übersetzt vom Dr. Gerhard-Paul Fabian



































