Wydanie/Ausgabe 117/03.07.2022

   

Der Sankt Annaberg ist die wichtigste (katholische) Pilgerstätte in Oberschlesien (→  Schlesien)  und  lag  mehrere  Jahrhunderte  lang  im  ethnischen  (und  politischen)  deutsch-polnischen  Grenzland.  Er  war  auch  Schauplatz  von  Konflikten,  nicht nur militärischen und politischen und nicht nur zwischen Polen und Deutschen. 

Auf 1480 wird hier die Gründung der ersten Kirche datiert; der St.-Anna-Kult sowie die ersten Pilgerfahrten auf den Berg stehen in Zusammenhang mit einer in ihr aufbewahrten Figur, seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts auch mit Reliquien der Heiligen. Es waren die Initiativen der Familie von Gaschin – die Ansetzung  der  Franziskaner-Reformaten  und  die  Stiftung  eines  Klosters  (1655-1657), der Ausbau der Kirche (Weihung 1673), vor allem aber der Bau (1700-1709) eines fast 40 Kapellen und Kirchen zählenden Kalvarienbergs, einer wahren Lokomotive der Pilgerbewegung, die die Grundlage für die gesellschaftliche Position und kulturelle Repräsentation des religiösen Orts bildeten, der trotz dreier Aufhebungen des Klosters (1811, 1875, 1941) und der vorübergehenden Abwesenheit  der  Franziskaner  nichts  von  seiner  Bedeutung  verlor. 

Zwischen  1861  und  1939 war die seelsorgerische Betreuung komplett zweisprachig, und die hier existierenden beiden privaten Druckereien druckten in beiden Sprachen. Im Mai 1921 spielten sich in der Gegend des Annabergs die blutigsten Kämpfe des Dritten Schlesischen Aufstands ab, bei denen die polnischen Aufstandskräfte mit örtlichen Abteilungen des Selbstschutzes aneinander gerieten, die von Freikorps aus anderen Teilen Deutschlands unter-stützt wurden. 

Zwischen 1934 und 1938 entstanden hier eines der größten Amphitheater Europas (es sollte zunächst als Thingstätte dienen) sowie ein Ehrenmal in  Gestalt  eines  Mausoleums,  das  an  die  gefallenen  deutschen  Kämpfer  erinnerte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Ehrenmal abgerissen und an seiner Stelle 1955   das   Denkmal   der   aufständischen Tat  (Pomnik   Czynu   Powstanczego) von Xawery Dunikowski (1875-1964) errichtet, einem der führenden polnischen Bildhauer des 20. Jahrhunderts. 

Der  Annaberg  war  von  nun  an  Ort  von  Massenkundgebungen, nicht  selten  unter Beteiligung des jeweiligen Ersten Sekretärs des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und einer mehr als hunderttausend Menschen zählenden Menge. Die  politischen  Repressionen  und  Inszenierungen  löschten  den  ursprünglichen  religiösen  Charakter  des  Bergs  jedoch  nicht  aus.  

Die  Pilgerbewegung wurde nur vorübergehend schwächer; der Besuch von → Johannes Paul II. am 21. Juni 1983 führte wieder über eine Million Menschen auf die am Berg gelegenen Wiesen.

Schon am Tag der teilweise freien Parlamentswahlen, am 4. Juni 1989, fand hier die erste deutschsprachige heilige Messe nach 1945 statt. Die für das gleiche Jahr geplante »Versöhnungsmesse« (eine Initiative des Oppelner Bischofs Alfons Nossol, *1932) konnte nicht auf dem Sankt Annaberg durchgeführt werden, sondern fand schließlich in Kreisau statt. 

1998 wurde hier mehrere Wochen lang die im Bau befindliche Autobahn blockiert, die ein Landschafts-Schutzgebiet durchschneiden sollte, es war eine der ersten und größten derartigen Aktionen in Polen. 

Seit 2004 ist der Annaberg aufgrund eines Beschlusses des Präsidenten der Republik Polen eines von 30 Geschichtsdenkmälern in Polen. Der Annaberg lässt sich heute schwer in einer Geschichte einfangen. Zwar gibt es nur einen einzigen Berg, doch von jeder Seite nimmt er sich anders aus: vom Oberlauf der Oder (sehr gut zu sehen!) anders als von der Weichsel (etwas schlechter zu  sehen), ganz  anders  auch  von  den  Ufern  des Rheins  oder  der  Spree  (ohne  Spezialoptik lässt er sich von dort aus überhaupt nicht erspähen). 

Er wäre heute sicherlich von überall her besser sichtbar, hätten sich im November 1989 Helmut Kohl (*1930)  und  Tadeusz  Mazowiecki  (1927-2013)  hier  und  nicht  in  Kreisau  »telegen«  versöhnt.  Wäre  es  damals  dazu  gekommen,  so  hätte  man  den  Berg  sicher  auch  durch ein stattliches Kreuz oder ein spitzes Dreieck auf der deutsch-polnischen Gedächtniskarte markiert. Und die Geschichte hätte sich selbst weiter fortgesponnen. 

Nun fällt es jedoch auch deshalb schwer, den Annaberg in einer Geschichte einzufangen, weil es ein sehr uneinheitliches Gebilde ist: [...]  eine  Kuppel  aus  Basaltlava, die durch die sedimentären Kalkfelsen gebrochen ist  [...] – ein alter Vulkan von vor Jahrmillionen. Der Basalt erkaltete und wurde hart, in ruhigem Grau leuchten inmitten des Grüns die Kalksteinbrüche – doch mit der Vorstellung vom Annaberg verbindet sich stets eine Art flammender Ausbruch. 

Ähnlich würde man auch den imaginierten Annaberg beschreiben können. Er besteht aus verschiedenen imaginativen Sedimenten von unterschiedlicher Tiefe und Persistenz, aus vielen Gedächtnisschichten. In jeder finden sich interessante Versteinerungen. Und die Steine auf dem Berg erinnern tatsächlich an sehr viel. Manchmal sogar an Dinge, die sich hier nie zugetragen haben. Der Berg hat ganz einfach eine lange und schwierige Geschichte. 

Das Sanktuarium Die  Beziehungen  des  Sankt  Annabergs  zu  seiner  Patronin sind nicht so eng und reichen nicht so weit in die Vergangenheit, wie man dies gelegentlich behauptet. Es gibt sogar Menschen, die – selbst in Oberschlesien! – meinen, »dass auf diesem Berg die hl. Anna lebte«. In Wirklichkeit hat die hl. Anna hier nie gelebt, sie war hier nie gewesen und ist auch nie hier erschienen; sie war weder die erste Namensgeberin des Bergs, noch verdankt er ihrem Kult die viele zehntausend, übers Jahr gesehen   sogar   mehrere   hunderttausend   Menschen   zählenden   Pilgerscharen.  

 

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