Wydanie/Außgabe 112/23.08.2021

   

Die Nation ist keine erledigte Größe. Das Reden über Heimat und Nation gilt vielen Zeitgenossen als Ausweis reaktionärer, „rechter“  Gesinnung.  Heimatvertriebene haben das oft zu spüren bekommen: Sie wurden abgestempelt als ewig Gestrige. Dabei ist die Suche nach der Identität den Menschen eingegeben. Gewiss sind die Begriffe politisch missbraucht worden – oder werden es noch immer. Umso erfreulicher ist es, dass von Zeit zu Zeit in Feuilletons und Gastbeiträgen in Zeitungen eine Lanze für die Suche nach kultureller Beheimatung gebrochen wird. Wie am 22. Feber in der „Frankfurter Allgemeinen“.

In dem Blatt hat der ehemalige deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), ein katholischer Schlesier aus Breslau, Jahrgang 1943, eine Klarstellung versucht. Er verurteilt Ab- und Ausgrenzung gegenüber den „Anderen“, den „Fremden“, fragt „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft“ und kommt „trotzdem“ zu dem Schluss: „Heimat und Patriotismus, Nationalkultur und Kulturnation, das sind Begriffe und Realitäten, die wir nicht den Rechten überlassen dürfen.

Sie sind nicht reaktionäre Residuen einer Vergangenheit, die gerade vergeht.“ Thierse wirft einen Blick in die europäische Nachbarschaft und auf den Globus. Es zeige sich: „Die Nation ist keine erledigte historische Größe. Und die Pandemie hat gerade wieder erwiesen, wie notwendig diese Solidargemeinschaft, nämlich der nationale Sozialstaat, ist. In Zeiten dramatischer Veränderungen ist das Bedürfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung groß. Eine Antwort auf dieses Bedürfnis ist die Nation. Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für eine elitäre, arrogante Dummheit.“

Kultur bleibe trotz mancher Veränderungen immer auch „regional und national bestimmtes, geschichtlich geprägtes Ensemble, ein Ensemble von Lebensstilen, von Überlieferungen und Erinnerungen, von Einstellungen und Überzeugungen“.

So  präge Kultur die relativ stabile Identität einer Gruppe, einer Gesellschaft und eben auch einer Nation – und ändere sich dabei. Denn Kultur sei selbst auch der eigentliche Raum der Bildung und Veränderung von Identitäten, der Vergewisserung des Eigenen wie auch der Aneignung und des Erlernens von Fremdem. „Das macht Kultur so wichtig und Nation eben nicht überflüssig.“

Hart geht Thierse mit dem ins Gericht, was sich momentan als Cancel Culture zu verbreiten beginnt. „Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität auszuschließen, das kann ich weder für links noch für demokratische politische Kultur halten“, schreibt der in der ehemaligen DDR sozialisierte Schlesier.

Biographische Prägungen, und seien sie noch so bitter, dürften nicht als Vorwand dafür dienen, unsympathische, gegenteilige Ansichten zu diskreditieren und aus dem Diskurs auszuschließen.  Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein sei freilich nicht alles. Er müsse vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen: „Sonst ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet oder wird gar zerstört durch radikale Meinungsbiotope, tiefe Wahrnehmungsspaltungen und eben auch konkurrierende Identitätsgruppenansprüche, erst recht in der digitalen Öffentlichkeit.“

Wien, am 09. März 2021

 

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