Wydanie/Außgabe 111/03.06.2021

   

20. 01. 2021

 
 

Viktor Orbán und der Abgeordnete Imre Ritter · Foto: Viktor Orbán / Facebook

Wenn wir an die Tragödie der Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg denken, denken wir vor allem an die Beneš-Dekrete und die Vertreibung der drei Millionen Sudetendeutschen und der neun Millionen Deutschen aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen, die von Polen und der Sowjetunion vertrieben wurden. Im Falle Ungarns handelte es sich dabei nicht um die Bewohner eroberter oder zurückeroberter Provinzen, sondern um einen Teil der deutschen Minderheit, die schon seit längerer Zeit im Lande lebte.

Die Ungarndeutschen sind die Nachkommen deutscher Einwanderer und Siedler, die sich zwischen 1689 und 1740 im Rahmen eines Wiederbesiedlungsprogramms vor allem in Transdanubien (Esztergom/Gran, Pest, Fejér/Stuhlweiß, Veszprém/Wesprim oder Weißbrünn, Komárom/Komorn, Győr/Raab), der Ungarischen Tiefebene (Szabolcs, Békés, Hajdú-Bihar, Bács) und dem Nordmassiv (Hont, Heves, Zemplén/Semplin) niederließen. Sie stammen hauptsächlich aus dem süddeutschen Sprachraum (Schwaben, Bayern, Lothringen, Elsass, Pfalz, Österreich) und Sachsen, daher der Name „Schwaben“ (ungarisch: Sváb) in Ungarn und „Sachsen“ in Siebenbürgen. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es im gesamten ungarischen Königreich bis zu anderthalb Millionen von ihnen. Die meisten dieser Deutschstämmigen siedelten sich nach der Rückeroberung der ungarischen Gebiete vom Osmanischen Reich im 18. Jahrhundert an, als die ungarischen Dörfer durch die Hohe Pforte entvölkert wurden. Die Bayern und Württemberger bildeten das Gros der Donauschwaben, die für ihr Handwerk, ihre Kenntnisse im Weinbau und ihr donauschwäbisches Handelsnetz, das die süddeutschen Länder mit Ungarn verband, bekannt waren.

Ca. 200.000 Schwaben wurden zwischen 1946 und 1948 deportiert

Ungarn, Deutschlands Kriegsverbündeter, befand sich nach 1945 – wie alle anderen Länder Mittel- und Osteuropas – in der sowjetischen Einflusszone, und so verpflichtete sich die ungarische kommunistische Führung – im Namen der „kollektiven Verantwortung“ aller Deutschen für die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes – zur Deportation von etwa 200.000 Schwaben zwischen dem 19. Januar 1946 und Juli 1948. Die meisten von ihnen wurden von Bayern und Österreich aufgenommen, wo ihre Kinder und Enkelkinder heute leben. Heute leben etwa 130.000 Deutsche in Ungarn (Volkszählung 2011). Die meisten von ihnen sind kulturell und sprachlich assimiliert, obwohl seit der Wende der Stellenwert kultureller und ethnischer Identitäten wieder an Bedeutung gewonnen hat und vielerorts kulturelle oder religiöse Vereinigungen die schwäbische Identität stärken; nach der ungarischen Gesetzgebung für nationale Minderheiten (wahrscheinlich die großzügigste in Europa!) genießen die Deutschen in vielen Gemeinden, u. a. in der Stadt Sopron/Ödenburg an der österreichischen Grenze, ein hohes Maß an kultureller Autonomie. Im ungarischen Parlament ist automatisch ein Sitz für sie reserviert. Dieser Sitz wird derzeit von Imre (deutsch: Emmerich) Ritter besetzt, der das Recht hat, im nationalen Parlament in deutscher Sprache zu sprechen.

Ein „irreparabler Verlust“ für Ungarn

Im Jahr 2013 hat das ungarische Parlament den symbolischen Tag des 19. Januar – das Datum, an dem die Deportationen 1946 in der Kleinstadt Budaörs/Wudersch in den westlichen Vororten von Budapest begannen – als nationalen Gedenktag an die Deportation der Deutschen festgelegt. Gestern legten der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und der Abgeordnete Imre Ritter gemeinsam einen Kranz vor einer Gedenktafel am Budaer Bahnhof nieder, während der Staatssekretär für Kommunikation und internationale Beziehungen, Zoltán Kovács, die Deportation der Schwaben (1946–1948) als einen „irreparablen Verlust“ für Ungarn bezeichnete. Auch der Bürgermeister von Budapest, Gergely Karácsony (Grüne, Opposition), würdigte die Opfer dieser Deportationen: „Wir schulden ihnen und den zukünftigen Generationen einen Akt des Gedenkens und eine gemeinsame Heimat, in der sich solche Taten nicht wiederholen können“.Dieser Beitrag erschien zuerst in französischer Sprache bei Visegrád Post.   

Dodaj komentarz


Kod antyspamowy
Odśwież

   
© Silesia - Śląsk - Schlesien 2009-2021