Wydanie/Ausgabe 116/06.04.2022

   

Ein kurzer Abriss der Geschichte Oberschlesiens und der Geschicke der Oberschlesier im deren Verlauf. Der Text meines Vortrages, den ich am 19 April 2019 in der Landeshauptstadt Düsseldorf vor erlauchtem Publikum halten durfte.

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Ich verzichte bewusst auf die gesonderte Begrüßung der verschiedensten Gäste, denn sie alle sind ja gleichzeitig „Damen“ und „Herren“. Solches tue ich, um die im Saale Anwesenden nicht weiter zu partikularisieren. Die Menschen sind nach meinem Geschmack sowieso und immer noch zu sehr untereinander getrennt.

Somit dürfte meine Anrede an die Anwesenden völlig in Ordnung sein, wie ich in meinem mich auszeichnenden Starrsinn meine. Es sei mir jedoch gestattet, die Erkelenzer Abgesandschaft doch besonders hervor zu heben. Ich wohne nämlich in Erkelenz.

Mein Name ist Alfred Bartylla-Blanke und ich werde von meinem werten Freund, dem Herrn Krebs zu meiner Rechten, bei meinem heutigen Vortrag techniktechnisch unterstützt.

Sollte jemanden von Ihnen der Begriff „techniktechnisch“ zu verquer vorkommen, so möchte ich ihn darauf hinweisen, dass Wortschöpfungen in der deutschen Sprache auf solche Leute zurückgehen wie Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Nietsche - warum also eines schönen Tages auch nicht auf mich...

Das Thema des heutigen Vortrages lautet: „Ein kurzer Abriss der Geschichte Oberschlesiens und der Geschicke der Oberschlesier im deren Verlauf“. Und auch nur so etwas dürfen Sie heute erwarten, denn um das Thema „Die Geschichte Oberschlesiens und die Geschicke der Oberschlesier im deren Verlauf“ zufriedenstellend auszuschöpfen, müsste man viele ganz dicke Bücher verfassen.

 

Was ist Oberschlesien? Oberschlesien ist eine historische Landschaft in Europa, analog wie Perigord in Frankreich, Andalusien in Spanien, Toscana in Italien oder Holland in den Niederlanden. Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es, kurioserweise ausgerechnet in Deutschland, zu dem es 600 Jahre lang völkerrechtlich gehörte, bedeutend unbekannter ist, als die oben erwähnten historischen Landschaften.

Dies scheint aber nicht nur eine Besonderheit der Gegenwart zu sein, sondern war wohl schon immer so. Darauf deutet der Spruch: „Pieronie bei Gleiwitz, Kattowitz umsteigen!“ mit dem ich noch in den 80er Jahren sowohl hier im Rheinland als auch in Hessen und Bayern, und in den 90ern in Sachsen, gelegentlich begrüßt wurde. Dabei ist eine Zugfahrt nach Gleiwitz mit Umstieg in Kattowitz mit einer Reise von Düsseldorf nach Essen mit Umstieg in Köln vergleichbar. Da wir hier in der Mehrzahl für uns die – zweifelhafte? - Gnade der frühen Geburt in Anspruch nehmen müssen, ist der eben zitierte Spruch wohl noch einem oder dem anderen von Ihnen geläufig. Übrigens: Das Wort „pieronie“- bedeutet „Donner“ und geht wohl an den alten slawischen Donnergott Perun zurück. Man kann mit ihm sowohl tiefe Respektlosigkeit als auch Anerkennung zum Ausdruck bringen.

Die Bevölkerung Oberschlesiens bestand bis zu der Machtergreifung Hitlers aus Deutschen, Juden, Tschechen und polnischsprachigen s.g. „Wasserpolacken“. Die Letztgenannten sind Angehörige der ältesten Ethnie Oberschlesiens, und ich nenne sie auch in meinen Publikationen „Wasserpolacken“, denn dieser Begriff scheint mir am präzisesten zu sein, um ihrer greifbar zu werden. Diesem Teil der Oberschlesier entstamme auch ich, wie Sie das wohl schon an meiner Aussprache des Deutschen gemerkt haben. Zu dem Begriff „Wasserpolacken“ ist noch unbedingt folgendes anzumerken: Er war nicht immer pejorativ, also abwertend, genauso der Begriff „Polackei“, den Heinrich Heine in seinem Gedicht „Zwei Ritter“, das er in den 1830 Jahren in Paris schrieb, verwendet . Es ist auch kaum vorstellbar, das ein Mensch vom Format eines Heinrich Heine, bei allem ihm eigenen Spott, einen Begriff in seinem Werk verwenden würde, das Andere zutiefst verletzen könnte, zumal er selber als Jude, wenn auch konvertierter, am eigenen Leibe zu spüren bekam, wie es ist, seiner Herkunft wegen geschnitten, ja, herabgesetzt zu werden.

Hierzu noch ein Satz: Den Namen „Wasserpolacken“ haben wir den Breslauern zu verdanken, die die Flößer aus Oppeln und Ratibor, die durchweg polnisch schwätzten, um die Mitte des 18 Jh. so benannten, welcher Name sich dann an alle polnischsprachigen Oberschlesier bezog auch, wenn sie nicht direkt an der Oder wohnten und unter Umständen nicht mal schwimmen konnten.

Jetzt haben Sie schon eine Menge Information erhalten, und wir sind immer noch nicht bei Adam und Eva. Da fangen wir auch gar nicht erst an, sonst müssten wir über Pleistozän, Mesozoikum und andere Ären reden; wir fangen bei den Kelten an. Sie sind die ersten greifbaren Siedler in OS. Ihnen folgten die Vandalen, genauer: ein Vandalenstamm namens „Sillinger“. Ihnen verdankt Schlesien womöglich seinen Namen. Berichtet wurde von ihnen in römischen Quellen. Nördlicher von den Sillingern – dies nur am Rande – siedelten die Burgunden, die dann jedoch beschlossen, ihren Schatz nicht in der Oder, sondern im Rhein zu versenken und zogen somit weiter westwärts; ebenfalls ein wenig später die Sillinger.

Um 600 n. Ch. ließen sich, ebenfalls aus den Steppen des Ostens kommend, die Slawen u.a. in Schlesien nieder. Dann herrscht an die 200 Jahre Stille, bis Anfang des 9 Jh. das Großmährische Reich aufkam. Es breitete sich in alle Himmelsrichtungen aus und ab Mitte des 9 Jh. erfasste es auch Oberschlesien. Nachdem es 907 unter dem Druck der Magyaren unterging, blieben die OS unter sich, ohne geschriebene Zeugnisse über die Umstände, unter denen sie lebten, zu hinterlassen. Vielleicht litt die Bevölkerung, die das Christentum einige Jahrzehnte eher kennenlernte als die restlichen westslawischen Stämme, die später das Regnum Polonaie bilden sollten, auch, wie in Kernmähren, unter heidnischen Aufständen, aber wir haben keine Kunde davon.

Für das 9. Jahrhundert ortet der Bayerischer Geograf auf dem Gebiet des späteren Oberschlesiens die slawischen Stämme der Opolinen und der Golensitzen. Dies waren die direkten Vorfahren der Wasserpolen. Übrigens: Unter dem Begriff „Bayerischer Geograf“ ist kein Bayer zu verstehen, dem es zu Hause zu langweilig war, weswegen er sich auf Reisen Richtung Nordosten begab, sondern eine Handschrift in Form einer Tafel.

990 eroberte ein gewisser Mieszko, dessen anderer Vorname möglicherweise Dagobert oder Dagomir war, Oberschlesien. Ob die damaligen Oberschlesier ihn nach slawischer Sitte mit Brot und Salz begrüßten, ist nicht überliefert. Wir können aber annehmen, dass jeder, der nicht getötet werden wollte, tat solches. Das von ihm mit Schwert und Feuer zusammengefügte und gefestigte Reich überließ Mieszko seinem Sohn Boleslaw I und unter dessen Regentschaft nahm es die Bezeichnung Regnum Poloniae an, da Boleslaw I, der den Beinamen „der Tapfere“ trug, 1025 zum ersten König von Polen gekrönt wurde.

Im Jahre 1039 kamen die Tschechen nach OS wieder. Natürlich mit Schwert und Feuer. Sie blieben 11 Jahre und wurden 1050 vom Kasimir dem Erneuerer, der auf vielerlei Weise mit Deutschland verbunden war, wieder vertrieben. OS gehörte abermals zum Regnum Poloniae.

im Jahre 1138 teilte der Herzog von Polen – nicht alle polnischen Herrscher wurden im Mittelalter zu Königen gekrönt – Boleslaw III Schiefmund – sein Land in Teilfürstentümer. Schlesien fiel Ladislaus dem Vertiebenen zu. Seinen Beinamen bekam er, weil er von seinen Brüdern vertrieben wurde, beim deutschen Kaiser Aufnahme fand und in Altenburg starb.

Die Zerkleinerung des Regnum Poloniae führte zu, vor allem kriegerischen Streitigkeiten unter den Kinder und Kindeskinder des besagten Schiefmunds und in deren Folge zu immer größerem Verfall der 6 Teilfürstentümer in immer kleinere Herrschaften, die teilweise weitgehend selbständig wurden. In OS gab es deren 4 auf einer Fläche von etwa 10 000 qk.

1241 ist ein weiteres Schicksalsjahr für Schlesien. Da kamen nämlich die Mongolen aus dem Osten und in der Schlacht bei Liegnitz besiegten sie eine deutsch-polnische Streitmacht. Bei der Gelegenheit fiel auch der Sohn der hl. Hedwig aus dem Geschlecht der Andechs, der Breslauer Fürst Heinrich der II, gennant „der Fromme“; ihr Mann, Heinrich der I, genannt „der Bärtige“ starb schon 1238. Danach zogen die Mongolen am Rande der Sudeten weiter nach Süden, wo sie sich, für sie meist siegreiche, Schlachten mit den Tschechen und den Ungarn lieferten, bevor sie nach dem Tod ihres großen und geliebten Führers, von ihnen „Khan“ genannt, wieder nach Osten zurückzogen. Ob sie auch auf ihrem Rückweg von Liegnitz OS streiften ist nicht überliefert. Allerdings ist es eine Tatsache, dass auch heute noch so manches oberschlesische Mädchen die Welt mit Mandelaugen betrachtet. Von irgendwoher muss es ja kommen.

Nach der Schlacht bei Liegnitz, d.h. nach dem Jahre 1241, verstärkte sich der Zuzug der deutschen Siedler in Schlesien beträchtlich, bis dann in Mitteleuropa 1348 die Pest, der Schwarze Tod, ausbrach und einige Jahre lang wütete. Das hatte zur Folge, das die deutsche Ostsiedlung zum erliegen kam, weil die Menschen starben, anstatt gen Osten zu wandeln. Die vollständige Germanisierung Schlesiens machte Halt fast genau an der geographischen Grenze zu Oberschlesien.

1320 einigte der Herzog Ladislaus Ellenlang von Kujawien die polnischen Teilfürstentümer, allerdings schon ohne Schlesien, und wurde im selben Jahr zum König von Polen gekrönt. 1335 verzichtete sein jüngster Sohn Kasimir der Große, König von Polen, - wie es im Vertrag von Trentschin hieß – „auf ewige Zeiten“ - auf Schlesien. Was „auf ewige Zeiten“ heißt, dürfte uns, die wir in die Jalta-Weltordnung hineingeboren wurden, wohl bekannt sein. Nichts desto trotz fängt hier die Geschichte Schlesiens, das allerdings zu dieser Zeit schon mehrheitlich deutsch besiedelt war und auch politisch mit Deutschland verbandelt, als eines Gebiets des Heiligen Römischen Reiches an. In seinem Verband kam es an die Krone von Böhmen. Erwähnen möchte ich noch den Umstand, dass fortan an der Grenze zwischen Schlesien und Polen um die 590 Jahre lang Frieden herrschte, bis dann im Januar 1919 in OS zu Rebellion kam, bzw. im Januar 1945 sowjetische Truppen die deutsche Vorkriegsgrenze überschritten.

In der ersten Hälfte des 15 Jh. wüteten die Hussiten u.a. auch in Schlesien. In OS allerdings nur links der Oder, welches Gebiet vielleicht nur ¼ von OS stellt. Bis heute benutzen die Wasserpolaken aus diesem Gebiet die Bezeichnung „Hussite“ für einen Chooligan, Nichtsnutz und Krakeeler. Die Menschen im übrigen OS haben hierfür ein anderes Wort: „Chachar“, orginal Aussprache im Wasserpolnischen: „chachour“, „chachor“, Plural: „chachary“. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Mongolen bei ihrem Weg nach Liegnitz doch durch OS zogen, denn eines ihrer Stämme hieß „Chachar“.

Das 16 Jh. ist in Deutschland von Reformation, Bauernkrieg, aber auch von noch nie da gewesenen Fortschritten im Handel, Kultur, Kunst, Technik und Wissenschaft gekennzeichnet. Von dem Fortschritt profitierte auch OS. Im Bauernkrieg blieb es verschont, wurde aber im Laufe des 16. Jh. evangelisch. Darüber hinaus hielt in diesem Jahrhundert die tschechische Sprache als Amtssprache in Oberschlesien Einzug. Hierbei ist allerdings der Begriff „Amtssprache“ nicht im heutigen Verständnis des Begriffs aufzufassen, benutzte man in den damaligen Kanzleien verschiedene Sprachen, und erst frühestens zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand so was, wie wir es heute kennen: Eine offizielle, für alle verbindliche Amtssprache.

1618 warfen Deutsche, Vertreter der evangelischen Stände, einige Tschechen, die ihrerseits Vertreter des deutschen Kaisers waren, aus einem Fenster des Alten Königspalastes in Prag heraus, welche wenig zivilisierte Tat den Beginn des 30-jährigen Krieges markiert, der noch viel unzivilisierter war, als die Freveltat von Prag. Dieser Krieg nahm auch in OS eine reiche Ernte, wenn diese mit den Verlusten um Magdeburg, zum Beispiel, sich verhältnismäßig klein herausnimmt.

Zumindest bis in meine Kindheit sang man den Kindern das Liedchen „Hoppa, hoppa, Reiter, wenn er fällt dann schreit er...“ vor, das in den Jahren 1618-1648 entstand. Nach dem Westfälischen Frieden setzte auf Betreiben der Mächtigen sowohl in Schlesien als auch im übrigen Reich die Gegenreformation ein, und zu Ende des Jh. waren die Oberschlesier wieder der einzig richtigen Konfession zugeführt, somit dem sie sonst zu erwartenden Höllenfeuer entrissen worden. Bei der Rekatholisierung soll sich ein gewisser Graf von Dohna hervor getan haben. Mit welchen Mitteln - das können wir uns denken... Ja, richtig: mit Schwert, Feuer und Gottesnamen auf den Lippen.

Wir haben bis jetzt viel über die geschichtlichen Ereignisse, die Oberschlesien betreffen, gehört, und nicht viel über seine Menschen. Nun, das ist mit einem Satz nachgeholt, denn die Oberschlesier lebten, wie die Menschen seit dem Verlust des Paradieses durch Adam und Eva eben lebten: Die Mächtigen herrschten und machten ihre Spielchen, die Unmächtigen arbeiteten und zahlten Steuer nebst sonstigen Abgaben, auf dass die ersten ihre Sperenzchen treiben konnten. Das ist auch heute noch so, wenn auch die Spitzen der Ungerechtigkeit und Ungleichheit, zumindest in unserer Hemisphäre, bedeutend stumpfer geworden sind.

1742 eroberte Friedrich der Große Schlesien und löste es aus den Habsburger Besitzungen heraus. Jetzt wurde es ernst für die katholischen Oberschlesier, die lieber bei dem ebenfalls katholischem Österreich geblieben wären, denn die Preußen waren für Ordnung, Zucht und Sauberkeit, womit man es bei den Habsburgern nicht so genau nahm, und die Kinder mussten fortan zur Schule gehen, denn in Preußen bestand seit 1717 Unterrichtspflicht. Im zweiten Schlesischen Krieg von 1744 bis 1745 festigte Preußen den Besitz von Schlesien und bekam es im Frieden von Dresden im Dezember 1745 – wie konnte es anders sein – „auf ewige Zeiten“ zugesprochen. Diese „ewige Zeiten“ dauerten immerhin 200 Jahre, wogegen die Ordnung von Jalta nur 45 Winter lang gültig war. Nicht umsonst bezeichnet man unsere Zeit als „schnelllebig“.

Sobald Oberschlesien preußisch wurde, begann Friedrich der Große mit einer neuerlichen Kolonisation seiner Gebietserwerbungen, die seinen Namen erhielt: Friderizianische Kolonisation. Die Siedler kamen in die neugegründeten Dörfer aus den tiefen der deutschen Lande, es wurde aber auch die überschüssige wasserpolnische Bevölkerung mit einbezogen. In jenen Kolonien, in denen die letztgenannte Volksgruppe die überwiegende Mehrheit stellte, führte dies dazu, dass die zweite Generation schon ausschließlich wasserpolnisch sprach. Wo die Rheinländer, Niederländer, Böhmen, Hessen, Hugenotten u.a. sich niederließen oder in der Mehrzahl waren, germanisierten die Wasserpolen auch ihre Zunge. Auch die Industrialisierung nahm ab dieser Zeit Schwung an. Selbstverständlich ließen sich auch Juden in Oberschlesien nieder.

Im Jahre 1790 besuchte Goethe Tarnowitz, das damals der Mittelpunkt der OS-Industrie war, und schrieb in das Knappschaftsbuch:

Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, wer hilft euch

Schätze finden und sie glücklich zu bringen an's Licht? Nur Verstand und Redlichkeit helfen; führen die beiden Schlüssel zu jeglichem Schatz, welchen die Erde verwahrt.“

Dieser Eintrag des Dichterfürsten wird wie eine Reliquie bis heute in Tarnowitz (Tarnowskie Góry) aufbewahrt. Aber was für einen Schluss ziehen wir aus diesen Zeilen? Der Dichterfürst und Minister nahm doch tatsächlich die Elenden dieser Welt und ihre Plackerei wahr.

Ende des 18., Anfang des 19. Jh. nahm, wie gesagt, die Industrialisierung in OS fahrt an, welcher Umstand nicht zuletzt ein Verdienst des aus der Rattenfänger Stadt Hammeln stammenden Berghauptmannes Graf von Reden war. Eine der ersten Dampfmaschinen in Deutschland wurde 1788 im schon erwähnten Tarnowitz eingesetzt und der erste Kokshochofen in Europa überhaupt entbrannte in dem Hüttenwerk Gleiwitz A.D. 1796. Der oberschlesische Krupp hieß Karl Godulla, allerdings machte er sein Glück nicht mit Gusseisen sondern mit Zink. Er stieg aus kleinsten Verhältnissen zum mächtigen Großindustriellen auf, zeichnete sich mit überdurchschnittlichem Fleiß aus und der Forderung an seine Angestellten, es ihm gleich zu machen.

Der Übergang zwischen dem 18. und dem 19. JH. ist auch die Zeit der Napoleonischen Kriege in Europa, die sowohl die französischen als auch die russischen Armeen nach OS brachten. Wie viele Oberschlesier in Blüchers Schlesischer Armee dienten und nach Waterloo lebend die Heimat wieder sahen ist nicht überliefert, aber die Echos dieser Zeit waren bei meinen Großeltern – die alle vier noch im 19. Jh. geboren wurden - noch lebendig gewesen.

Nach dem Wiener Kongress ordnete Preußen seine Provinzen neu und beschnitt die Privilegien des Adels. So wurde die Gerichtsbarkeit dem Staat übertragen. Die Fürsten, Grafen und Barone zeigten sich aber in dieser Hinsicht renitent, und richteten weiter über die Dorfbewohner, nicht zuletzt deswegen, weil die Aufhebung der Leibeigenschaft von 1807/1816 nicht vollständig war und erst 1849 allumfassend wurde. Trotz aller Restauration im Wiener Kongress verbreiteten sich die Ideen der Französischen Revolution jedoch auch unter den Menschen niederer Stände, und sie leisteten Widerstand gegen die Überbleibsel des Mittelalters. So auch ein gewisser Christian Minkus. Dieser war, was unter den Oberschlesiern selten vorkam, evangelisch, vom Beruf Fuhrmann und lag im Clinch mit „seinem“ Freiherr, in Oberschlesien „Baron“ genannt, und wurde für die Kreise Kreuzburg und Rosenberg 1848 im Alter von 77 Jahren zum Abgeordneten zu der Nationalversammlung nach Frankfurt gewählt. Von ihm stammen folgende Zeilen:

Gesegnet ist der Augenblick, der selten nur erscheint, Wo uns ein gütiges Geschick mit Gleichgesinnten eint, Wo sich zum edlen Werk bereit, Die Männerherzen finden und dann für alle Folgezeit In Freundschaft sich verbinden. Mir ward dies Glück hier reich zu Theil: Freund darf ich Manchen nennen, Das Freundschaft mir für Gold nicht feil.- Bald müssen wir uns trennen Drum mög’ dies als Gedächtnisblatt Für all’ die Biedern gelten, die in der schönen Mainesstadt sich traut zu mir gesellten“.

Der Versuch von 1848 aus Deutschland ein „einig Vaterland“ zu machen scheiterte, und wurde erst 1871 von Bismarck, das heißt, von oben herab, verwirklicht. Davor fand ein Krieg mit Frankreich statt, der in der kollektiven Erinnerung auch der Oberschlesier in den 1960 Jahren noch präsent war, haben doch nicht selten die Väter der damals noch lebenden alten Leute an ihm teilgenommen. 

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